https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/was-ein-live-uebersetzungsprogramm-aus-einem-romanklassiker-macht-17746830.html

Englisches Kauderwelsch : Total of stigma

Plätschernder Brunnen an der Strudlhofstiege in Wien Bild: picture alliance / Willfried Gredler-Oxenbauer / picturedesk.com

Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ ist ins Englische gebracht worden. Dazu äußerten sich Daniel Kehlmann und der Übersetzer – und eine überforderte Software für Untertitel.

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          Die Welt ist englisch. Das sagt sich leicht, wenn man’s nur so beiläufig weiß, aber man muss es gesehen haben. Ja, die Welt ist englisch!“ So sagte es ein namentlich ungenannter Weltreisender (also einer, der es wissen muss) laut Baron Buschmann (einem, dem man nicht alles glauben muss) in Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege“ (einem, den man einfach lesen muss). Und nun ist „Die Strudlhof­stiege“ bereit für diese Welt, nämlich frisch von Vincent Kling, einem Amerikaner, der nach eigenen An­gaben nur Deutsch gelernt hat, um Doderer zu lesen, für den Liebhaberverlag Nyrb Classics ins Englische übersetzt und benachwortet von keinem Geringeren als Daniel Kehlmann, seines Zeichens deutschsprachiger Welterfolg und als zeitweiliger Bewohner von Wien ein prominenter Doderer-Versteher (2006 auch Doderer-Preisträger).

          Der Titel des Romans auf Englisch: „The Strudlhof Steps“ – so weit, so simpel. Der Rest seiner Arbeit war laut Kling neunhundert Seiten lang eine Frage von Ironie und Rhythmus. So sagte er es bei einem von der Handke-, Enzensberger- und Benjamin-Übersetzerin Tess Lewis moderierten Gespräch mit ihm und Kehlmann, das die ambitionierte Buchhandlung Community Book­store in Brooklyn jetzt ausrichtete und streamte. Eine Stunde Lebens- und Literaturfreude und eine Stunde Spaß an einer technischen Einrichtung, auf die zu Beginn des Ge­sprächs eigens hingewiesen wurde: das „Live Transcript“, eine automatische Untertitelung des ak­tuell Ge­sprochenen. War im Vorfeld die Vorfreude auf die zungenbrecherische englische Aussprache von „Strudl­hof­stiege“ schon groß gewesen, überstiegen die Versuche dieses Spracherkennungsalgorithmus, den Buch­titel zu verschriftlichen, alle Erwartungen: Mit „Solo Steger“ ging es los, und mit „Strudel have Steger“ und „Students of sugar“ für den deutschen Titel sowie „Strudel half steps“, „Studio of steps“, „Struggle host steps“, „Turtle have steps“ oder „School of steps“ für den englischen war noch lange nicht Schluss.

          Der Höhepunkt: „Total of stigma“. Aber auch Doderers Romantitel „Die Merowinger“ bereitete Probleme: „Mail Vienna“, „the marrow ven­geance“ und „middle finger“ wurde angeboten – Letzteres sicher nicht in böser Absicht. Doderer selbst mu­tierte in den Untertiteln zu „dodo“, „door“, „dollar“, „daughter“ und leicht unnachvollziehbar zu „builder“. „Don’t know“ durfte dagegen wohl die passendste Umschreibung seines Namens gewesen sein. Aber was ist das gegen „a little bit wiser“ für Robert Walser, wahlweise „muzzle“, „mozilla“, „muscle“ „most year““, „Moodle“ oder „Lucille“ für Musil sowie „Tanja“ für Daniel (Kehlmann)? Seien wir mitleidig für das Textverarbeitungssystem angesichts der von Lewis gepriesenen „DNS language“ (Viennese language), die dieser Don’t know schrieb.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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