https://www.faz.net/-gqz-a25zo

Autorin Mingels über Amerika : Eine schwierige Liebe

  • -Aktualisiert am

Gleichzeitigkeit der Extreme: Gegenüber der City Hall von San Francisco campieren Obdachlose unter Wahrung des eigens markierten Corona-Abstands. Bild: AFP

Auf dem Bonanzarad gegen den Wind: Was mich mit Amerika verbindet, dem Land, in dem ich lebe, reicht zurück bis in meine Kindheit. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Ich bin elf Jahre alt und auf der Hochzeit meiner Cousine. Sie findet im Clubhaus von Douglaston statt, an der Nordküste von Long Island. Es ist eine Winterhochzeit, der Weihnachtsbaum im Clubhaus ist so groß und dicht, wie es nur amerikanische Weihnachtsbäume sein können, und auf den Wiesen um die stattliche Holzvilla liegt meterhoch der Schnee. „Tja“, sage ich, von den Eltern des Bräutigams nach meinen Hobbys gefragt und mühsam mein Schulenglisch zusammenkratzend, „ich sammle Streichholzschachteln.“

          Stimmte das je? Ich kann mich nicht erinnern.

          Das Paket, das ein Jahr später bei mir in Deutschland eintrifft, ist bis oben hin voll: Streichholzschachteln aus New York, aus Minnesota, Washington, Wyoming, aus einem Café in Seattle, einem Restaurant in einem Vorort von San Diego, aus New Mexico und Kanada. Ein Irrtum, denke ich, ein Versehen. Erst lange Zeit später dämmert mir, von wem es kam.

          Meine Liebe zu Amerika ist eine alte. Sie ist nicht ungetrübt, hat Kratzer und Flecken. Aber sie ist immer noch da.

          Ausgedehnte Wildwest-Ebenen

          Es ist Freitagnachmittag, Mitte Juli. Seit dem Lockdown hier in Kalifornien sind genau hundertzwanzig Tage vergangen, und ich habe das deutliche Gefühl, mal allein sein zu müssen. An drei Monate home schooling schlossen sich nahtlos die Ferien an. Wenn im September die Schule beginnt, werden die Kinder sechs Monate zu Hause gewesen sein. In den vergangenen Wochen haben wir wieder begonnen, Freunde zu treffen – vorzugsweise draußen, an einem der vielen Strände, im Garten, im Park. Erst wenn man die Kinder mit den anderen spielen sieht, begreift man, wie sehr sie einander vermisst haben.

          Als ich die Einfahrt runterrolle, winken mir alle drei nach und erinnern mich daran, etwas mitzubringen. Für meine Reise habe ich die erstbeste Route gewählt. In den nächsten zwei Tagen werde ich über Reno nach Salt Lake City fahren, ich werde durch karge Berglandschaften, ausgedehnte Wildwest-Ebenen, durch wüstenartige Gebiete fahren, ich werde ganz euphorisch sein, weil dieses Land so weit und schön ist, und manchmal werde ich ratlos sein, weil ich es immer noch nicht begreife.

          Mein erster Soldatenfriedhof

          Das Plaza Hotel in Reno ist so gut wie leer, als ich ankomme. „Parken Sie im dritten Stock“, sagt die Rezeptionistin, als sie mir den Schlüssel für die Parkgarage aushändigt. „Und hupen Sie bei jeder Kurve – die Fahrbahn geht in beide Richtungen.“ Ohne Frühstück mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg. „We are stronger together“ verkündet tapfer eine Leuchttafel vor dem Theater, ein Veteranenverein veranstaltet einen Marsch mit Flaggen und ohne Masken, ansonsten sind die Straßen von Reno menschenleer.

          Die Interstate 80 durchschneidet die Landschaft, in der Ferne die schroffen Bergketten, schon am Vormittag sirrt die Luft vor Hitze. In Winnemucca gibt es ein Kasino, ein Motel und einen Pizzaladen, der so schmutzig ist, dass ich nur aus Höflichkeit meine Bestellung nicht storniere. Als ich auf dem kleinen Friedhof nebenan auf meine Pizza warte, bleibt ein Auto direkt vor mir stehen. „Wissen Sie, wo die Boyles liegen, Eric und Belinda Boyle?“, und ich sage, nein, leider, das wisse ich nicht. Zwischen grauen Kieseln, auf grauen Metallplatten, stehen kleine Blumensträuße. Leonard E. Wolf steht auf einer der Metallplatten, darunter, noch vor den Geburts- und Sterbedaten: US Army.

          Weitere Themen

          Die Frankfurter Paulskirche Video-Seite öffnen

          Rundflug : Die Frankfurter Paulskirche

          1848 bis 1849 tagte hier die Nationalversammlung. Nach dem Brand im März 1944 wurde sie zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet.

          Wie Afroamerikaner über Trump denken

          FAZ Plus Artikel: Wahl in Amerika : Wie Afroamerikaner über Trump denken

          Schwarze Amerikaner könnten die Wahl entscheiden. „Was zum Teufel habt ihr zu verlieren?“, fragte sie Donald Trump noch vor vier Jahren. „Unser Leben“, sagt eine Aktivistin heute. Ein Ortsbesuch in Cleveland und Detroit.

          Topmeldungen

          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Hauptsache, der Riesling fließt

          Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.
          Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

          Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

          In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?
          Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, im Gerichtssaal im August.

          Bushido im Abou-Chaker-Prozess : „Ich habe meine Frau geschlagen“

          Beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker wird Bushido vor Gericht persönlich: Er habe im Streit zwischen Abou-Chaker und seiner Frau die „dümmste Entscheidung“ seines Lebens getroffen. Auch den anschließenden Tiefpunkt schildert er.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.