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Autorin Mingels über Amerika : Eine schwierige Liebe

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Am nächsten Morgen gehe ich dreimal hintereinander zur Tankstelle, um mir eine Flasche Wasser und eine Banane zu kaufen. „Lange Fahrt, he?“, sagt der Verkäufer in freundlichem Pidgin-Englisch, und ich nicke und sage ihm nicht, dass ich zweimal das Wasser und die Banane an Obdachlose gegeben habe, die zu mir ans Auto kamen. „Obdachlose in Salt Lake City?“, fragt Tehan ungläubig, die Nachbarin und Freundin, die wie zufällig immer dann die Kinder zu sich einlädt, wenn sie weiß, dass ich arbeiten will. Wir sitzen nach meiner Rückkehr zusammen in der Küche, und ich sage: „Etliche. Aber nicht so viele wie hier.“ „Klar“, sagt Tehan tonlos, „nirgends so viele wie hier.“

Eine unsichtbare Grenze

Ende Juli fahre ich durch San Francisco. Chinatown, wo alle Masken tragen und niemand die Abstandsregel von sechs Fuß einhält. In der Hyde Street sitzen und liegen die Obdachlosen auf dem Gehweg, an manchen Stellen ist kaum ein Durchkommen, ein Junge von vierzehn, fünfzehn Jahren tritt blicklos auf die Straße, ich kann gerade noch bremsen. Das war eine der ersten Sachen, die mir hier auffielen: die Zelte, die am Abend plötzlich auf den Bürgersteigen stehen, fremd wie Ufos, die Verschläge aus Pappe. Nachbarn, die aus der Stadt wegzogen, als die Kinder anfingen, das alles nachzuspielen – „jetzt bist du der Drogenabhängige“. Neben den Autobahnauffahrten, unter den Brücken ganze Camps von Obdachlosen, Berge von Müll, bei denen man nicht weiß, ob Menschen darunterliegen. Die Gleichzeitigkeit der Extreme: das zukunftsberauschte Silicon Valley, die absurd hohen Mieten, der haltlose Abstieg. In der Stadt existiert es direkt nebeneinander, doch auch das Vorortidyll, in dem wir leben, trügt; es sind stets nur wenige Kilometer in ein ganz anderes Leben. Es bleibt eine Fragilität, der Absturz ist jederzeit möglich. Immer schon, jetzt mehr denn je.

Vor zehn Jahren musste ich an der Ostküste eine amerikanische Führerscheinprüfung ablegen. Wir lebten damals in Montclair, einer kleinen, urbanen Stadt mit Restaurants, Theater, Kino und viktorianischen Häusern, deren große Gärten ohne Zäune ineinander übergingen. Manche Nachbarn arbeiteten bei der „New York Times“, der örtliche Schriftstellerverband hatte mehr als siebenhundert Mitglieder. Eine unsichtbare Grenze durchlief die Stadt zwischen dem reichen, weißen Teil und dem ärmeren, in dem vor allem Schwarze wohnten.

Die Führerscheinprüfung fand in einer der Nachbarstädte statt, Paterson. Müll lag auf den Straßen, die Häuser waren ärmlich, Donuts- und Burger-Läden, wohin man sah. Man konnte den Test in Spanisch und Englisch machen. „Beim ersten Mal bestanden?“, rief die Schalterfrau ungläubig, als ich das Ergebnis erhielt.

Was ist das?, dachte ich damals. Keine Klassengesellschaft im eigentlichen Sinne, aber eine, deren schwer zu überwindende Gräben entlang der Ökonomie und Bildung, vor allem aber der Ethnie verlaufen.

Und die progressive Attitude, die wir alle hatten: die Diversität zu begrüßen, aber zu unseren Bedingungen.

Eine meiner frühesten Erinnerungen an Amerika. Es ist 1979, ich bin acht Jahre alt. Wir fahren die Straße zwischen den Holzvillen herab, direkt auf die Böschung zu, dahinter kommt das Meer. Meine Schwester sitzt vorne, ich hinter ihr auf dem langen Sattel des roten Bonanzarads. „Schneller!“, schreie ich, und meine Schwester tritt in die Pedale, dass der Wind in unseren Ohren rauscht. Ich liebe diesen kleinen Ort, die freundlichen Leute, das Meer, das hektische große Manhattan gleich nebenan. Dieses Land, so wenig ich davon auch kenne.

Ich tue das nach wie vor. Nur manchmal ist es schwer.

Annette Mingels, 1971 in Köln geboren, veröffentlicht am 24. August ihren neuen Roman „Dieses entsetzliche Glück“ (Penguin Verlag). Er spielt in Hollyhock,einer fiktiven Kleinstadt in Virginia.

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