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Autorin Mingels über Amerika : Eine schwierige Liebe

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Alles war fremd

Elko, die dritte Station auf meiner Reise, wurde vor dreißig Jahren einmal zur schönsten Kleinstadt Amerikas gewählt, aber nichts lässt darauf schließen. Über einem Laden für Westernsattel steht ein lebensgroßes Pferd, wahrscheinlich für all die Cowboys, die zum alljährlichen „National Cowboy Poetry Gathering“ in die Stadt einfallen, und wie überall in Nevada gibt es auch hier ein Kasino, als ließe sich das Glück herbeispielen. Die Straßen sind staubig und verlassen, und die Männer und Frauen, die im Supermarkt keine Masken tragen, sind wahrscheinlich genau diejenigen, die einen „Make America great again“-Aufkleber auf dem Pick-up haben. San Francisco scheint plötzlich mehr als nur achthundert Kilometer entfernt.

Als wir vor zwei Jahren nach Kalifornien zogen, war ich überrascht, wie fremd mir alles war. Da ist zum einen das Klima, das sich innerhalb von zehn Fahrminuten komplett ändert – von der auch im Sommer kühlen Brise in San Francisco zur stehenden Hitze im Marin County mit seiner Hügellandschaft, die nur für zwei, drei Wintermonate grün ist, ansonsten trocken und braun. Da sind zum anderen die Menschen, die mir alle ein wenig überspannt schienen in ihrem Bemühen, das Richtige zu tun und das Falsche zu vermeiden. Als ich zum ersten Mal einen Freund meines Sohnes mit zu einem Picknick nehmen wollte, bekam ich von den Eltern eine Liste mit all den Sachen, die er nicht essen durfte. Sie war so umfangreich, dass wir am Ende mit nichts als einer bunten Schale Biogemüse und -obst dasaßen. Auch an der Schule unserer Kinder gelten bezüglich des Essens klare Regeln, und so werden mir und meiner Tochter lange ihre nur mit Ahornsirup gesüßten Geburtstagsmuffins in Erinnerung bleiben, die alle nach dem ersten Bissen im Mülleimer landeten.

Rufe nach Gerechtigkeit

Hinzu kommt eine finanzielle Anspannung: Die Lebenshaltungskosten hier sind so hoch, dass nicht viel Raum für Spontaneität bleibt, die Lockerheit, die man den Kaliforniern im Allgemeinen nachsagt, kann ich nicht feststellen. Und doch habe ich viele großartige Freunde und Nachbarn gefunden, und wenn ich die Golden-Gate-Brücke überquere, wenn ich hoch nach Sonoma fahre, oder einfach aus dem Fenster meiner Ärztin auf den Hafen blicke, wenn ich in der Nähe von Calistoga wandern gehe oder die Kinder bei ihrem Camp in Point Reyes abhole, bin ich immer wieder fassungslos, angesichts der Schönheit von dem allen.

Die Salztonebene hinter der Grenze zu Utah, unwirklich in ihrer weißen Pracht. In Salt Lake City sind die Berge nie fern. Vor den imposanten Gebäuden blühen akkurate Blumenbeete, ein Adler aus Eisen thront über der Capitol Street. Auf der Temple Street eine Demonstration, Black-Lives-Matter-Schilder und Rufe nach Gerechtigkeit. Die Obdachlosen, viele von ihnen schwarz, sitzen in Gruppen zusammen und schauen dem Zug unbeteiligt nach.

Keiner hält sich an die Abstandsregel

Vom Hotel aus kann ich den Tempel sehen, ein riesiges neogotisches Gebäude, das Heiligtum der Mormonen, die gut die Hälfte der Einwohner ausmachen. „Es ist seltsam mit den Mormonen“, sagt Tereza, als ich sie anrufe, „alle, die ich kenne, sind wohlhabend, hübsch und sehr nett.“ Auch mir waren beim Spaziergang durch die Stadt die Jugendlichen aufgefallen, die freundlich grüßten, wenn mein Blick sie traf, und die Familien, bei denen die Kinder wie die jungen Eltern so gesund und attraktiv aussahen wie aus einer Ralph-Lauren-Werbung. Es ist bekannt, dass viele Mormoninnen Lifestyle-Blogs betreiben – vielleicht kein Zufall, dass angesichts einer patriarchalen Religion die Schönheit ein wichtiges Kapital der Frauen ist.

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