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Autorin Mingels über Amerika : Eine schwierige Liebe

  • -Aktualisiert am

Schrecklich oder berührend?

Mein erster Soldatenfriedhof. Ich bin acht Jahre alt, und wir fahren im Lincoln meines Onkels auf der Autobahn Richtung Connecticut. Rechts von uns ein schier endloses Feld weißer Grabsteine, gleichförmig, unzählig. Ich frage: „Was ist das?“, und mein Onkel erklärt es mir. Unfassbar viele Tote, ich weiß noch, dass ich es so oder ähnlich dachte: unfassbar viele Tote. Mit meinen Kindern gehe ich im Presidio Park in San Francisco spazieren, als wir an eine Mauer stoßen. Dahinter lange Reihen identischer Grabsteine, weiß und wie militärische Erkennungsmarken geformt. Wir klettern über die Mauer, lesen die Inschriften, rechnen aus, wer wie alt war, wer in einem der Kriege starb, wer nicht. Die Kinder bewegen sich zögerlich zwischen den Gräbern, fasziniert und verängstigt, nur der Kleinste will irgendwann auf die Soldatenstatue klettern.

Wenn sie einem Veteranen begegnen, danken viele Amerikaner ihm für seinen Dienst. Ich weiß nicht, ob ich das schrecklich oder berührend finde.

 „Wir waren plötzlich Staatsfeinde“

Drei Monate nachdem mein Onkel gestorben war, besuchte ich meine Tante in Douglaston. Ich war Ende zwanzig und in einer persönlichen Krise, und meine Reise nach Amerika sollte mir Klarheit bringen. Es war Februar, und durch die Straßenschluchten von Manhattan zog eiskalt der Wind. Die ersten Wochen nach dem Tod meines Onkels war meine Tante gut versorgt gewesen, viel zu viel Essen habe sie bekommen, sagte sie, genervt und dankbar. Jetzt fuhren wir den Lincoln von New York nach Washington, zu meiner Cousine. Im plötzlich einsetzenden Regen schlenkerte der breite Wagen wie ein Schiff bei Seegang. „Wo ist der Scheibenwischer?“, rief ich, und meine Tante sagte lachend: „Keine Ahnung, ich bin den nie gefahren.“ Vor meiner Abreise traf ich noch Renee, die beste Freundin meiner Tante, eine Jüdin persisch-deutschen Ursprungs, die vor dem Krieg aus Deutschland geflohen war. Ihr Mann hatte in New York ein sagenhaftes Vermögen gemacht und sie, als er starb, mit ungeahnten Schulden zurückgelassen. Sie trug immer noch das lockige Haar lang und schwarz trotz ihrer siebzig Jahre, immer noch die manikürten Fingernägel, mit denen sie geziert die Langusten aß, und statt eines Nerzmantels jetzt eben einen aus Kaninchenfell. Sie war unverändert klug und scharfsinnig und witzig, und ich erinnerte mich, dass sie abends zu uns Kindern ins Zimmer gekommen war, um meine Schwester und – wenn die sich schlafend stellte – mich zu umarmen und mit Küssen zu überschütten. Meine Tante und Renee zankten viel. Und blieben befreundet, bis zum Schluss.

Vor zehn Jahren, als wir unweit von New York lebten, war es Mariam, mit der ich mich befreundete. Eine Rechtsanwältin, zufällig aus ebenjenem Douglaston, mit einer großen afghanischen Familie im Hintergrund und der Angewohnheit, mich nie ohne Essen gehen zu lassen. Als sie und ihr iranischer Mann kurz nach den Anschlägen von 2001 nach Kanada gefahren waren, hatten sie Schwierigkeiten, zurück nach Amerika einzureisen. „Wir waren plötzlich Staatsfeinde“, erinnerte sie sich. Gemeinsam schauten wir im Fernsehen Obamas brillante Jahresansprache an. Nach Trumps Wahl war sie fassungslos, wie eigentlich jeder Amerikaner, den ich kenne. „Wir standen tagelang unter Schock“, erzählt Jim, der Mann meiner Cousine, und meine Freundin Tereza sagt: „Dieser Verrückte ist nicht mein Präsident.“

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