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Britische Regierung : „Kampf um die Seele von Boris Johnson“

Ein Macho verlässt die Downing-Street: Beim Machtkampf im Dunstkreis von Boris Johnson scheinen sich die Damen durchzusetzen. Bild: dpa

Das Posten-Geschacher an der Spitze Großbritanniens erinnert dieser Tage sehr an die Netflix-Serie „The Crown“. Mit einem nicht zu verachtenden Unterschied.

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          Während die vierte Staffel von „The Crown“ Zuschauer aufs Neue vor die Herausforderung stellt, bei der Darstellung der Zerwürfnisse am Königshof zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, spielt sich an der Spitze der britischen Regierung eine Realityshow mit allen Ingredienzen einer für den Bildschirm oder die Bühne zugespitzten Dramatisierung ab. Im Wirbel der Gerüchte, gezielten Indiskretionen und sich abwechselnden Behauptungen und Gegenbehauptungen aus dem Umkreis des Premierministers müssen Beobachter ebenfalls entscheiden, wo die Wahrheit liegt, bloß dass dem Schauspiel in Downing Street ein alle Fäden zusammenführender Drehbuchautor fehlt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Netflix-Serie und das improvisierte Theater an der Spitze der britischen Regierung haben eines gemein. In beiden dreht sich vieles um den weiblichen Umgang mit Macht in der Politik und im Privatleben. „The Crown“ deckt die Jahre von Margaret Thatchers Wahlsieg im Mai 1979 bis zu ihrem Sturz im November 1990 ab. In diesem Zeitraum beginnt und endet die Ehe von Charles und Diana. Bei der ersten Begegnung der beiden gleich zu Beginn der ersten Folge wird Dianas manipulative Kraft bereits angedeutet, als der Prinz auf das Anwesen der Spencers kommt, um die ältere Schwester zu besuchen, mit der er ein Techtelmechtel hatte.

          Obwohl Diana strenge Anweisung von der Schwester hatte, sich nicht blicken zu lassen, huscht die Sechzehnjährige im Elfenkostüm einer Schulaufführung des „Sommernachtstraums“ durch die Eingangshalle des Schlosses, in der der Thronfolger auf die Schwester wartet. Diana verwickelt ihn ins Gespräch. Später sitzt sie am Fenster und schaut verträumt in die Landschaft. Das Kostüm bestärkt nur den Eindruck, dass das Mädchen sich schon damals eine Zukunft als Märchenprinzessin vorstellt.

          Die Königin und die Premierministerin

          In der nächsten Szene schwenkt die Handlung auf den Wahltag 1979 und das andere Machtspiel der Staffel. Als die Nachrichten voraussagen, dass Britannien erstmals eine Premierministerin bekommen werde, grollt ein mürrischer Prinz Philip: „Das ist das Letzte, was dieses Land braucht. Zwei Frauen, die den Laden führen.“ Peter Morgan dramatisiert die Beziehung zwischen der Königin und der Premierministerin als eine Konfrontation zweier starker pflichtbewusster Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Temperaments, die ihr Frausein jedoch nicht in den Vordergrund stellen wollen. Thatcher tut sogar so, als gehöre sie einer anderen Spezies an, wenn sie der Königin erklärt, dass sie keine Frauen ins Kabinett befördere, weil Frauen sich nicht für hohe Ämter eigneten. „Sie werden zu emotional.“

          Manche werden die Premierministerin durch die jüngsten Berichte über den Machtkampf am Hof von Boris Johnson bestätigt sehen. Es heißt, Allegra Stratton, die ehemalige BBC- und „Guardian“-Journalistin, die der Premierminister gegen den Willen seines dogmatischen Chefstrategen Dominic Cummings und seines von der Boulevardpresse kommenden Kommunikationsdirektors Lee Cain zur Pressesprecherin ernannt hat, sei den ganzen Samstagvormittag in Tränen aufgelöst gewesen. Sie habe sich aufgeregt, sagte sie, da man sie schlechtrede mit Behauptungen, sie sei nicht die Kandidatin der ersten Wahl gewesen. Und dass Johnson auf ihrer Ernennung bestanden habe, weil er sonst Ärger mit seiner Verlobten bekommen hätte.

          Das Ende der Macho-Kultur

          In dem als „Kampf um die Seele von Boris Johnson“ bezeichneten Gerangel richten sich derzeit alle Augen auf Carrie Symonds. Ihr wird nachgesagt, ihre Erfahrung als ehemalige Medienberaterin der Konservativen Partei beim Bettgeflüster ins Spiel zu bringen, um die Strippen zu ziehen. Von ihren Gegnern wird sie als Lady Macbeth verteufelt. Von anderer Seite heimst sie Lob ein, weil sie mit dem Weggang von Cummings und Cain der Macho-Kultur in Downing Street ein Ende gesetzt habe.

          Als emblematisch für diesen Machismo gilt ein Bild Johnsons mit Lee Cain, das unmittelbar vor der Verabschiedung des Kommunikationsdirektors aufgenommen worden sein soll. Beide Männer tragen einen blauen Boxhandschuh mit der Parole der Referendumskampagne „Get Brexit Done“. Nun heißt es, das Lager von Carrie Symonds, das Allegra Stratton gegen die Männerfront durchgesetzt habe, wolle ein weicheres Image projizieren. Nach den Worten eines Ministers, der Carrie Symonds mit der Tudor-Königin Elisabeth I. in der Fernsehserie „Blackadder“ aus den Achtzigern verglich, in der Rowan Atkinson als intriganter Adeliger um die Gunst der Herrscherin buhlt, sei jetzt allen klargeworden, wer in Downing Street die Königin ist.

          Während es sich Zeugen zufolge in Downing Street angefühlt habe, als explodiere ein Vulkan, schob Carrie Symonds in der vorigen Woche ihren Kinderwagen ganz unbekümmert durch Kensington Gardens am Runden Teich und den alten Grenzmarkierungen vorbei, die J.M. Barrie in „Peter Pan“ in zwei Kindergräber verwandelte. Im goldenen Herbstlicht wirkte sie wie der Inbegriff jungen Mutterglücks – oder der Wirkungskraft sanfter Macht, die so trügerisch sein kann, wie Barries Märchen der ewigen Kindheit.

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