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Russische Krux mit der Kunst : Der orthodoxe Patriarch sieht schwarz

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Kirill, der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche, bei einem Gottesdienst in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale Bild: AP

Wenn Kunst auf Kirche trifft: Der Patriarch der Russischen Orthodoxie wettert gegen Kasimir Malewitsch. Die Werke des 1935 verstorbenen Künstlers sieht er als Ausdruck sittlichen Verfalls.

          2 Min.

          Der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche, Kirill, hat auf der jüngsten Oberpriesterversammlung im Tagungssaal der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale seine Meinung über den Patriarchen der russischen Avantgardekunst, Kasimir Malewitsch, kundgetan. Malewitschs schreckliches „Schwarzes Quadrat“ sei ein getreuer Spiegel von dessen Seelenzustand, erklärte der Oberhirte russischer Christenseelen, ja, nicht nur des Künstlers selbst, sondern dessen ganzer Epoche. Man brauche nur die Muttergottesikone von Wladimir neben das Quadrat zu halten, so werde das ganze Ausmaß des sittlichen Niedergangs der Menschheit offenbar, sagte das für seine Liebe zum Luxus notorische Kirchenoberhaupt.

          Der hochgebildete Kirill versteht Malewitschs hundert Jahre alte Anti-Ikone, die unweit der Kathedrale in der neuen Tretjakow-Galerie zu bewundern ist, durch historisch, Erfahrung unbesänftigt, so polemisch wie sie damals gemeint war. Der „Sieg über die Sonne“, den Malewitschs Quadratbild ursprünglich bühnenbildnerisch propagierte, bedeutete die Überwindung der die Wirklichkeit nachahmenden, also vom Sonnenlicht abhängigen Kunst durch die Anti-Sonne des menschlichen Geistes und dessen autonome Schöpfung.

          „Schwarzes Quadrat“ als heiliger Organismus

          Malewitsch bekämpfte jedwede Bildillusion inklusive Madonnenfiguren, war aber eifernd religiös. Er lehnte einen nur personalen Gott ebenso ab wie Christus, die Erlösung, überhaupt alle Belohnungslehren und Versprechungen und erstrebte, den orthodoxen Weg der Selbstvergöttlichung ketzerisch radikalisierend, die Ermächtigung des menschlichen Selbst bis zur Ununterscheidbarkeit von Gott. In kindlich-übermenschlichem Ernst sah Malewitsch im schwarzen Quadrat einen heiligen Organismus, nach dessen „Entdeckung“ er eine Woche lang nicht trinken, essen oder schlafen konnte. Egal, dass ein Profikünstler wie Malewitschs Avantgardekollege Tatlin die technisch schlampig gearbeiteten Suprematismus-Ikonen als amateurhaft schmähte. Egal auch, dass Malewitsch den Gipfel seiner Null-Ästhetik nicht halten konnte, sondern bald, wenn auch betont lieblos, Malstile aus dem „stinkenden Morast“ der Kunstgeschichte zitierte.

          Malewitschs Botschaft vom geistig befreiten Menschen war zu mächtig, er musste zum Herausforderer Lenins werden, zumal des Künstlers Daseinsideal der „Faulheit“ dem Plan des Revolutionärs, die Menschen zu Schräubchen und Rädchen zu erziehen, diametral zuwiderlief. Für die heutige, byzantinisch-sophistische Moskauer Kirche mit ihrem billigen Goldglanz und den fetten Klerikern verkörpert Malewitsch, dessen Quadrat schon durch die Haarrisse auf der Malfläche die Armut jener Zeit vergegenwärtigt, auch die Zumutung russischer Authentizität. Hoffentlich besagt das Patriarchenwort nicht, dass es bald im Magazin verschwinden muss.

          Kasimir Malewitschs „Suprematistische Komposition“ aus dem Jahre 1916, Öl auf Leinwand, 88,5 x 71 cm
          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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