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Magnetischer-Nordpol-Glosse : Immer schneller

Alles beim Alten: der geografische Nordpol Bild: dpa

Kaum legt Amerika den nationalen Richtungsstreit für ein paar Wochen auf Eis, stellt man fest: Die Welt richtet sich abermals ein paar Kilometer weiter Richtung Russland aus. Aber warum?

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          Der innere Kompass: Wer in diesen unruhigen Zeiten Kurs halten will, dem ist die Metapher vertraut. Sie verheißt Verlässlichkeit – trügerische Verlässlichkeit, wie sich jetzt wieder zeigt. Glaubt man doch zu wissen, die Nadel des Instruments zeige, wie man es auch dreht und wendet, beständig Richtung Norden und sage so, wo es langgeht. Ein beruhigendes Gefühl in einer Welt, die sich jeden Tag schneller zu drehen scheint. Doch auch der magnetische Nordpol, also der Ort, an dem die magnetischen Feldlinien senkrecht in die Erdoberfläche eindringen, ist uns kein Fixpunkt.

          Er ist regelrecht auf Wanderschaft – und das sogar immer schneller. Als 1831 der englische Seefahrer James Clark Ross den magnetische Nordpol entdeckte, lag der noch auf Kanadas nördlichster Halbinsel. Seitdem driftet er immer weiter ostwärts in Richtung Sibirien. Und das mit beachtlichem Tempo. Fünfundfünfzig Kilometer sind es inzwischen im Jahr, also mehr als tausend Meter pro Woche. Im Jahr 2000 waren es noch jährlich etwa fünfzehn Kilometer. Wann der Magnetpol das russische Festland erreicht, ist nur eine Frage der Zeit.

          Keine Schlüssige Erklärung

          Die Geoforscher beunruhigt dabei weniger, dass der magnetische Nordpol seine Position verändert. Denn das Phänomen, das seine Ursache im flüssigen Erdkern hat und das Magnetfeld im Laufe der Erdgeschichte sogar seine Pole wechseln ließ, ist ihnen wohlbekannt. Viel überraschender ist für sie, dass der Magnetpol derzeit so schnell unterwegs ist. Denn dafür haben die Wissenschaftler bislang keine schlüssige Erklärung. Es war deshalb dringend geboten, das „Weltmagnetmodell“ außer der Reihe zu aktualisieren.

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          Diese Weltkarte des Erdmagnetfelds nutzen Schiffe und Flugzeuge mit ihren Magnetsensoren an Bord zur Navigation. Ein paar Grad Abweichung – und der angepeilte Kurs stimmt nicht mehr. Der Aktualisierung, die ursprünglich für Mitte Januar vorgesehen war, machte jedoch kein Geringerer als Donald Trump mit seiner geplanten Mauer an der Grenze zu Mexiko einen Strich durch die Rechnung. Vom daran entzündeten Haushaltsstreit nebst „Shutdown“ war nämlich auch die Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA betroffen, die eigentlich nur alle fünf Jahre die Magnetfeldkarte mit erstellt.

          Noch vor der aktuellen Kältewelle hatte der Stillstand nicht nur die Gehälter, sondern auch alle Forschungsaktivitäten in den Vereinigten Staaten eingefroren. Kaum hat das Land den nationalen Richtungsstreit für ein paar Wochen auf Eis gelegt, stellt man fest, dass sich die Welt abermals ein paar Kilometer weiter Richtung Russland ausrichtet.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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