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Litauen vor dem Papstbesuch : Franziskus im Getto

  • -Aktualisiert am

Aufnahme aus dem Getto der Stadt Vilnius, das damals noch polnisch war und Vilna hieß. Bild: Picture-Alliance

Der Holocaust ist in Litauen eine noch nicht verheilte Wunde. Deshalb wird das Gebet des Papstes im einstigen Getto ein wichtiges Zeugnis sein, dorthin zu gehen, wo es am stärksten schmerzt.

          „Durch die Gassen des Gettos von Vilnius irrt wieder der Albtraum von Paneriai. Die Menschen gehen umher und sind von Todesangst erfasst, ringen mit den Händen. Gestern – eine bedrückende Versammlung. Die Bedrohung ist maßlos groß. Aber wir glauben an unsere Kräfte. Wir sind auf alles vorbereitet...“ Das schrieb am 5. April 1943 der fünfzehn Jahre alte Icchokas Rudasevskis in sein Tagebuch. Er hat den Holocaust nicht überlebt, aber uns ist sein schmerzliches Zeugnis davon geblieben, wie das einst als Jerusalem des Ostens bezeichnete Vilnius zu einem Ort wurde, an dem der Tod triumphierte.

          „Nach jeder Erschießung zeigten die Faschisten ,Erbarmen‘ mit den am Leben Gebliebenen. Die einfachsten Schuhe, Kleider und Mäntel ,schenkten‘ sie dem Getto. Einmal habe ich in einem Wagen mit Schuhen die Schuhe meiner Mutter erkannt“, schrieb Abraham Sutzkever, der das Getto von Vilnius überlebte und in seinen Büchern über die von den Juden dort erlittenen Qualen Zeugnis ablegte.

          Wenn Papst Franziskus am 22. und 23. September Litauen besucht, begehen wir zugleich den 75. Jahrestag der Liquidierung des Gettos von Vilnius. An diesem Tag gedenken wir unserer während des Holocausts ermordeten Mitbürger, der litauischen Juden. Deshalb wird das Gebet des Papstes im einstigen Getto ein wichtiges Zeugnis für die von diesem Papst verkündete Mission der Kirche, ein Feldlazarett zu sein, dorthin zu gehen, wo es am stärksten schmerzt. Der Holocaust ist in Litauen eine noch nicht verheilte Wunde. Das Zeugnis und die Gebete des Papstes brauchen nicht so sehr die litauischen Juden als vielmehr alle Bürger Litauens.

          Ein Symbol der Barbarbei

          Denn mehr als nur ein Gespräch in jüngster Zeit hat mir bestätigt, dass wir immer noch dazu neigen, das Leiden in eigenes und fremdes zu trennen, so dass Sibirien und das Getto wie in getrennten Universen existieren. Für uns – unser Leiden, für sie – ihres. Für uns der 14. Juni, an dem wir an die Massendeportationen erinnern, die 1941 an jenem Tag begonnen haben. Damals haben die Sowjets innerhalb von fünf Tagen 17.500 Menschen, davon ein Drittel Kinder, in Viehwagen in die am weitesten abgelegenen Regionen Sibiriens verfrachtet. Und für die Juden der 23. September, als die Nazis zusammen mit einheimischen Kollaborateuren das Getto von Vilnius liquidierten. Von den 57.000 dort zusammengepferchten Menschen haben nur etwa zweitausend überlebt. Ein großer Teil von ihnen wurde in Paneriai ermordet. Und so wurde dieses schöne Gebiet bei Vilnius, in dem einst die Reichen ihre Sommerhäuser hatten, zu einem Symbol der Barbarei und des Fanatismus.

          Aber wenn wir das Leiden in eigenes und fremdes unterscheiden, dann verstehen wir nicht, dass der Schmerz der einen den Schmerz der anderen nicht verneint. Der Schmerz summiert sich nur und verwandelt unser Land, wie es der Historiker Timothy Snyder schreibt, zu „Bloodlands“.

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