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Wie wird man Klopapiernarr? : Was den Hamsterkäufer im Tiefsten bewegt

Viele Leute hamsterten in den Supermärkten entgegen dem, wozu viele Politiker aufrufen. Bild: dpa

Sie horteten irrwitzige Mengen Klopapier und ließen alle anderen verzweifelt zurück. Was löste den Impuls zu Panikkäufen aus? Angst vor dem Virus? Wenn es so einfach wäre. Über den Versuch eines Psychogramms.

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          Der erste Tiefpunkt im Ausnahmezustand wirkt bis heute nach. Oder können Sie im Laden schon wieder unbelastet an den Regalen vorbeigehen, die wochenlang beängstigend leer standen und davor Schauplatz einiger wahrhaft gruseliger Endzeiterfahrungen waren? Der Sturm auf die Klopapierrollen war, auch daran muss man heute erinnern, von den Virologen im Land weder angeordnet noch herbeigeredet worden. Die Hamsterkäufe kamen einfach über uns.

          Und so gerne man sich damals einen Reim darauf gemacht hätte, was in den Köpfen der Leute vor sich ging – die Panikkäufe blieben rätselhaft. Immer giftiger wurde die Stimmung. Einige wurden beim Versuch, Klopapier zu horten, noch hinter dem Einkaufswagen vom Security-Mann verhaftet. Wer durchkam, wurde für übergeschnappt erklärt. Rückblickend gab es wirklich nicht viele ernsthafte Versuche, das Hamstern von Klopapier als gesundes Verhalten zu deuten. Eher schon als eine Art kopflose Schreckreaktion verwirrter und unsolidarischer oder wahlweise übervorsichtiger bis traumatisierter Gesellen.

          Allerdings war mit Küchenpsychologie keinem geholfen. Während die Händler dazu übergingen, Wucherpreise für Klopapier zu verlangen, und sich in Ebay-Kleinanzeigen Suchmeldungen häuften wie „Suche Klopapier, am besten 4-lagig. Habe Durchfall, ist dringend“, blieb der Hamsterkäufer ganz mit sich und seinen Restzweifeln allein. Wer ist da gaga, die oder ich? Fachlich gesehen gehen solche Fragen gerne an die Psychologie, und tatsächlich haben Experten der Universitäten St. Gallen und Münster sowie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie noch während der exponentiellen Phase der Pandemie nach seriösen Antworten gesucht. In der zweiten Märzhälfte starteten sie eine Internetumfrage in drei Dutzend Ländern, um herauszufinden, was die Klopapiernarren rund um die Welt antreibt.

          Um es kurz zu machen: Die Hamster-Persönlichkeit ist nach allem, was die Psychologen in der Zeitschrift „Plos One“ berichten, ebenso amerikanisch, wie sie deutsch ist. Sie ist getrieben von der Angst vor dem unbekannten Virus, was weniger überrascht als die Entdeckung, dass Menschen, die besonders gewissenhaft und ordentlich sind und gerne vorausplanen, häufiger und vor allem auch größere Mengen Klopapier horten. Das reicht, sollte man meinen, um den Hamsterkäufer zu rehabilitieren. Wäre da nicht der mysteriöse Zusatz der Psychologen: Die Sache sei komplex, Angst und Gewissenhaftigkeit machen allenfalls zwölf Prozent der Hamsterkäufer-Persönlichkeit aus. Könnte also sein, dass 88 Prozent doch auch Wahnsinn waren.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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