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Corona-Gottesdienste : Singt dem Herrn kein neues Lied

  • -Aktualisiert am

Besucherin mit Mundschutz in der St. Marienkirche in Berlin. Maximal fünfzig Gläubige dürfen hier derzeit einen Gottesdienst besuchen. Bild: dpa

Großer Gott, wir loben dich, aber mit geschlossenen Lippen: Was fehlt, wenn in den Kirchen nicht gesungen wird.

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          Gemeinsames Singen gilt momentan als „Risikoverhalten“. Die Tonerzeugung geht schließlich mit einem besonders kräftigen Ausatmen bei weit geöffnetem Mund einher. Die Forscher der Heinsberg-Studie sehen in der fraglichen Karnevalssitzung mittlerweile auch deshalb so einen effektiven Infektionsherd, weil dort eifrig gesungen wurde. Die Après-Ski-Partys im Ischgler „Kitzloch“ wird man sich ähnlich vorstellen dürfen. Also besser kein gemeinsames Singen im Moment. So sehen das auch die Kirchen. Daher muss, wer nun wieder in den Gottesdienst geht, vielerorts stumm bleiben – selbst am vergangenen fünften Sonntag der Osterzeit, der nach dem Beginn seines Eröffnungpsalms „Kantate“ – also „Singt!“ – heißt.

          Wenn nicht ganz aufs Sprechen umgestellt wird, übernehmen die Orgel, Kantoren oder kleine Ensembles die musikalischen Anteile. Aber warum singt die Gemeinde überhaupt im Gottesdienst und überlässt es nicht auch sonst den Profis? Die Lese- und Gesangstexte des Kantate-Sonntags geben darüber Auskunft, enthalten sie doch sämtliche Ingredienzien für eine Theologie des Kirchengesangs. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker“, zitiert der Introitus im katholischen Ritus den Beginn von Psalm 98. Die evangelische Agende nimmt ihn als Wochenpsalm.

          Ein akustisches Dankopfer

          Der vielstimmige Gesang war schon im alten Israel die Grundform des gemeinsamen und öffentlichen Gotteslobs: ganz praktisch, weil sich Texte besser miteinander vortragen lassen, wenn Melodie und Rhythmus die Koordination strukturieren; aber auch aus dem sicheren Gespür dafür, dass Singen als eine gehöhte, außeralltägliche Form des kollektiven Sprechens dem Kult und der Kommunikation mit Gott besonders angemessen ist. Gesang ist also zunächst einmal Gotteslob, ein akustisches Anbetungs- und Dankopfer, das die Gemeinde Gott schuldet. Er ist daher bis heute kein bloßer gottesdienstlicher Schmuck, sondern selbst liturgische Handlung, für die es auch der Profis bedarf: Im salomonischen Tempelkult unterschied man bereits zwischen Musikern und Priestern.

          Das Christentum begann dann mit relativ flachen Hierarchien, und die Gemeinden sangen zunächst selbst. „Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen“, forderte Paulus nicht nur die Kolosser (Epistellesung von Kantate) auf. Seine Institutionalisierung ging dann aber mit der neuerlichen Herausbildung einer liturgischen Funktionselite einher. Ein Ergebnis – das Singen wurde wieder weitgehend den Klerikern übertragen, in deren Mitte sich ein spezialisiertes Gesangsensemble aus Knaben und Männern formte, die Schola oder Cappella.

          Gott als primärer Adressat

          Ein paar Jahrhunderte lang begnügten sich diese Profi-Ensembles mit dem einstimmigen Repertoire des sogenannten Gregorianischen Chorals, dann wollte man mehr: Die Erfindung der Mehrstimmigkeit und eine große Zahl bedeutender musikalischer Kunstwerke in Form von Mess-, Motetten-, Vesper-, Kantaten- und sonstigen liturgischen Kompositionen waren die Folge, mit denen man der Aufforderung des Psalms nachkam, Gott „ein neues Lied“ zu singen. Aus dem Gemeindegesang war erneut eine hochartifizielle Darbietungsmusik geworden, deren primärer Adressat Gott war.

          Psalm 98 und die anderen beiden großen Musik-Psalmen 96 und 149 erwähnen aber nicht nur die Pflicht zum gesungenen Gotteslob, sondern implizieren auch, dass Gesang und Instrumentenspiel ein unmittelbarer und genuiner Ausdruck der Freude über Gott und Seine Taten sind: „Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!“ „Alle Welt“ wird dabei sehr wörtlich verstanden: „Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN“.

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