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Jürgen Kaube (kau)

Philosoph Edmund L. Gettier : Ein Besserweiser

  • -Aktualisiert am

Was Platon wohl zu Gettiers Aufsatz gesagt hätte? Bild: Henning Bode

Nur eine einzige Schrift soll er vorgelegt haben, gerade einmal zweieinhalb Seiten lang: Edmund L. Gettier hinterlässt einen der meistkommentierten Aufsätze der Philosophiegeschichte – und eine Anekdote.

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          Was heißt es, etwas zu wissen? Lange war die gängige Ansicht, Wissen sei die begründete Überzeugung von etwas, das zutrifft. „Ich weiß, dass Mailand die Hauptstadt von Italien ist“, wäre also ebenso wenig ein Wissen wie „Paris ist wahrscheinlich die Hauptstadt von Frankreich“. Wer rät, weiß nicht, wer falsch vermutet, hat auch kein Wissen. So weit, so gängig seit Platon. Bis 1963 ein junger amerikanischer Philosoph aufgefordert wurde, doch endlich einmal etwas zu publizieren. Edmund L. Gettier lehrte damals an der Wayne State University in Detroit, sein Vertrag sollte entfristet werden, aber er hatte noch nichts geschrieben.

          Daraufhin veröffentlichte er einen drei – tatsächlich sogar nur zweieinhalb – Seiten langen Aufsatz: „Ist begründeter zutreffender Glaube Wissen?“ Es war ein Erfolg. Seitdem haben sich nämlich Hunderte von Philosophen mit seinem Argument herumgeschlagen. Womöglich ist es der bestkommentierte Aufsatz der Philosophiegeschichte. Gettiers Argument lautet, dass gut begründeter Glaube sich selbst dann täuschen kann, wenn die Welt tatsächlich so ist, wie er denkt.

          Nehmen wir ein Beispiel aus der Welt von Agatha Christie: Eine Person A hat gesehen und weiß insofern begründet, dass eine bestimmte andere Person B im Zimmer war, als der Mord geschah. Tatsächlich war die Person B auch im Zimmer. Aber es war nicht die Person, die A gesehen und für B gehalten hatte, sondern beispielsweise ihr Zwilling. Man kann sich also getäuscht haben, obwohl man gar nicht falschlag. Oder umgekehrt: Man lag richtig, obwohl man sich täuschte.

          Spitzfindig? Mag sein, doch Gettiers Argument betrifft das nicht. Es lautet, begründetes Meinen ist mitunter auch dann kein Wissen, wenn es zufälligerweise zutrifft. Denn es mag aus Gründen zutreffen, die nicht die Gründe des vermeintlich Wissenden sind. Wir können an dieser Stelle nicht die Diskussionen zusammenfassen, die Gettiers Aufsatz nach sich zog, die zahllosen Versuche, die Wunde zu schließen, auf die er hingewiesen hatte, die Nachweise, dass es ähnliche Argumente auch schon vorher gab, in der indischen Logikschule des achten Jahrhunderts oder bei Bertrand Russell. Das alles kommt auch bei anderen Texten vor.

          Außerordentlich an Gettiers Fall sind die drei Seiten. „Mach es so kurz, wie du kannst“, hat er seinen Studenten empfohlen. Philosophisch soll er nach seinem Aufsatz nichts mehr veröffentlicht haben. Ganz gleich, ob das stimmt oder nur eine Anekdote abrundet: Es braucht wenig, um das Denken in anhaltende Bewegung zu versetzen. Ende März ist, wie jetzt bekanntwurde, Edmund L. Gettier im Alter von 93 Jahren gestorben.

          Jürgen Kaube
          (kau), Herausgeber

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