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Rätsel Oktoberfest : Inneres Schaumbad

Ein Mann schläft auf dem Oktoberfest in München vor einem Gemälde des Chinesischen Turms. Bild: dpa

Warum trinkt der Bayer auf der Münchner Wiesn eigentlich zwei Wochen lang Bier aus so großen Krügen? Des Rätsels Lösung liegt im alten China.

          Das Münchner Oktoberfest ist ein rätselhaftes Ereignis. Man kann sogar sagen, dass es ohne die Gruppentreffen der „Sieben Würdigen vom Bambushain“, die im dritten Jahrhundert nach Christus das chinesische Denken und Dichten im Zuge von Alkoholexzessen revolutionierten, wahrscheinlich gar nicht zu begreifen wäre. Es fragen sich ja nicht nur die ausländischen Besucher seit Jahrzehnten auf der Theresienwiese: Warum trinken die Bayern aus derart großen, unhandlichen Krügen, mit denen man, nimmt man drei, vier Tischbestellungen zusammen, leicht ein Kinderschwimmbecken füllen könnte?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Antwort besteht aber nicht etwa darin, dass man derart beachtliche Hohlmaße auch schon im alten China verwendet hätte. Die Sieben Würdigen und ihre Nachfolger tranken zu ihrer Zeit vor allem Wein, aus kleinen Gefäßen, die sie, für das herbstliche Bayern undenkbar, auf idyllischen Bächen wie auf dem Laufband eines Sushi-Restaurants dahintreiben ließen. Die Herausforderung solcher Treffen bestand auch nicht darin, so wie in München möglichst viel Volumenalkohol in sich hineinzuschütten, sondern nur so viel, dass man anschließend gerade noch ein Poem zu Papier bringen konnte. Wang Xizhi erklärte die alkoholseligen Gruppentreffen in der „Gedichtsammlung vom Orchideenpavillon“ folgendermaßen: „Gegen Ende des Frühlings trafen wir uns, um das Zeremoniell der Reinigung zu begehen.“ Reinigung! Das ist das fehlende Puzzleteil für das Rätsel „Oktoberfest“.

          Allerdings bedarf es einer weiteren Transferleistung: Während die Sieben Würdigen nämlich so klug waren, ihre Feste im Frühjahr bei lauschigen Temperaturen zu veranstalten und die äußere Reinigung (Wasser) mit der inneren (Wein) zu verbinden, finden wir beim Oktoberfest eine ungewöhnliche Konzentration des Reinigungsaspekts ausschließlich auf das alkoholische Getränk. Für die Bayern liegt das nahe, weil ihr Bier zum einen mit viel Wasser nach dem bayerischen Reinheitsgebot gebraut wird, zum anderen eine auffällige Schaumentwicklung aufweist. Die Folgerung, die daraus gezogen werden muss, ist frappant: Der Bayer nimmt nicht etwa aus Trunksucht so große Mengen schaumigen Gerstensafts zu sich – das hat schon Tacitus bei den Germanen missverstanden –, sondern, weil er im Grunde der romantischen Vorstellung anhängt, ein inneres Bad zu nehmen. Was das Leben freilich nur bedingt erleichtert.

          Die Chinesen kannten die innere Reinheit, die der Poesie und der Einsamkeit entspringt. So antwortete einer der Sieben Würdigen auf die Frage, warum er immer nackt in seiner Hütte umherlaufe: „Für mich ist die Welt mein Haus, und mein Haus meine Hose – was willst du in meiner Hose?“ Diese Innerlichkeit ist den Bayern nicht gegeben. Für sie ist die Welt ein Bierzelt. Es macht ihnen nichts aus, wenn sich auch andere in ihren Lederhosen aufhalten, und ein Bad nehmen sie am liebsten bekleidet in der Menge, das Badewasser in der erhobenen Hand. Und alle machen es ihnen nach, sogar die Chinesen.

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