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Was bleibt von der „Deutschstunde“? : Ein Welterfolg unserer Literatur gerät ins Zwielicht

Siegfried Lenz im Jahr 2009 Bild: dpa

Mehrere Generationen von Lesern und ungezählte Schulklassen haben durch den Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gelernt, was es hieß, im „Dritten Reich“ als Künstler Widerstand zu leisten. Aber was wir gelernt haben, stimmt nicht.

          Was passiert mit einem Roman, dem mehr als vierzig Jahre nach seinem Erscheinen die zentrale Figur abhanden kommt – und damit auch die innere Balance, ein Gutteil an Glaubwürdigkeit? Welche Konsequenzen hat das für uns, die Leser, zu deren literarischer Grundausstattung das Buch gehört? Was bedeutet es für den inzwischen hochbetagten Autor, dessen internationaler Ruhm sich auf dieses Werk gründet, der zu den beliebtesten in unserem Land zählt und eine Instanz des Humanen ist? Und welche Folgen hat das für die deutsche Literatur seit 1945, zu deren tragenden Säulen der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gehört?

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Im Zentrum der Handlung steht der Kampf zweier Männer. Jens Ole Jepsen gegen Max Ludwig Nansen. Dorfpolizist gegen Kunstmaler. Gesetzeshüter gegen Freigeist. Staatsmacht gegen Individuum. Das Duell beginnt zur Mittagszeit an einem Aprilfreitag des Jahres 1943.

          Nansens Pech ist, dass er von Lenz nach einem sehr realen Vorbild modelliert wurde, nach dem hochberühmten deutschen Expressionisten Emil Nolde, der, achtundachtzig Jahre alt, im April 1956 auf seinem Hofgut Seebühl unweit der dänischen Grenze starb. Mehrere Dutzend von Noldes Gemälden werden im Roman genannt und beschrieben, die Lebensumstände Nansens entsprechen jenen von Nolde.

          Was der Roman zugunsten des Edelmuts seiner Hauptfigur aber verharmlost oder ganz verschweigt, sind Noldes Mitgliedschaft in der NSDAP  bis 1945 und sein rabiater Antisemitismus. Die Schattenseiten des Malergenies hat auch die kunstgeschichtliche Forschung lange geleugnet, seit einigen Jahren erst werden sie nun sichtbar gemacht .

          Aber bereits im Jahr 1967, ein Jahr vor dem Erscheinen der „Deutschstunde“, hielt der im vergangenen Jahr gestorbene Rhetorikprofessor, Schriftsteller und Kritiker Walter Jens eine Rede über Nolde, in der er sich über dessen „rohe Ideologie“ und dessen „antizivilisatorische“ Rasse-Ideen äußert irritiert zeigte. Walter Jens und Siegfried Lenz waren eng befreundet. Konsequenzen für seinen Roman aber zog der Autor aus den Erkenntnissen von Jens nicht.

          Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Es hilft ja nichts, wenn wir den Roman mit dem naheliegenden Argument zu retten suchen, er sei eben pure Fiktion.Wir werden, es führt daran kein Weg vorbei, die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Deutschstunde“, eines Monuments unserer Gegenwartsliteratur, umschreiben müssen.

          Die vollständige Geschichte über die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz lesen Sie in der Samstagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ab Freitagabend um 20 Uhr im E-Kiosk.

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