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Wenn alle nur noch streamen : Eine Welt voller Programmkinos

George Clooney und Caoilinn Springall in einer Szene aus "The Midnight Sky.". Bild: AP

Laufen Blockbuster im Internet? Werden Filme immer kleiner - und dann billiger? Fragen eines streamenden Filmkritikers nach George Clooneys Film „The Midnight Sky“ auf Netflix.

          7 Min.

          Anfang der Woche kam Post von Netflix. Die Mail enthielt ein Bild, das einer Einladungskarte nachempfunden war und einen sehr rauschebärtigen George Clooney im Halbprofil als Schattenriss zeigte. Zusammen mit dem American Film Institute lud der Streamingdienst zur „Virtual Premiere“ des Films „The Midnight Sky“ für Mittwoch um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit und zum anschließenden Gespräch mit Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent, die praktischerweise alle George Clooney heißen. Gesprächspartnerin: Cate Blanchett.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Manchmal ist man sich bei Einladungen ja nicht sicher, wie sie denn nun gemeint sind: Handelt es sich um eine Parodie, ein Imitat, ist es retro oder schon der erste Schritt in eine neue Welt? Sollte es ein schwacher Trost in Zeiten sein, in denen in Deutschland kein einziges Kino geöffnet ist und in den Vereinigten Staaten knapp 35 Prozent der Filmtheater, in denen die Geschäfte miserabel laufen? Kurz nachdem von einer Entlassungswelle in Hollywood die Rede war und der Konzern Warner Media eine Ankündigung gemacht hatte, die das Branchenblatt „Variety“ wie ein Erdbeben empfand, weil es sie als „seismisch“ bezeichnete: Alle 17 Filme, die Warner 2021 herausbringen will, werden gleichzeitig in den Kinos und auf HBO Max laufen, darunter Blockbuster mit hohen Produktionskosten wie „Matrix 4“, „Dune“ oder „Godzilla vs. Kong“.

          Eine Premiere auf Netflix oder ein Abend auf HBO Max, Disney+ oder Apple TV+ ist natürlich eine praktische Veranstaltung: keine Schlangen an der Kasse, keine schlechten Plätze, keine hässlichen Klingeltöne vom Nachbarn und das Geld für den Babysitter gespart. Ein bisschen befremdlich kommt es einem aber schon vor, dass man nun dauernd zu Hause sitzt, wenn Regisseure, deretwegen man sonst ins Kino geht, ihre neuesten Filme auf Netflix zeigen. Und zwar nicht pandemiebedingt.

          Nach David Finchers „Mank“ kommt nun George Clooney, im Juni war schon Spike Lees „Da 5 Bloods“ bei Netflix, seit dem 10. Dezember ist Steven Soderberghs „Let Them All Talk“ auf dem Streamingdienst HBO Max zu sehen (der erst ab 2021 in Deutschland verfügbar sein wird). Das überrascht insofern weniger, da Soderbergh 2019 schon zwei Filme für Netflix gemacht hat, da er ohnehin seine Kinokarriere in den letzten Jahren mehrmals für beendet erklärt und angekündigt hatte, lieber andere Formate zu entwickeln. Allerdings hat ihn das nicht daran gehindert, hin und wieder doch noch mal einen Film zu machen, und sei es, wie „Unsane“, mit einem iPhone.

          Was einem das jetzt sagen soll, vor allem aber: was das für die Zukunft des Kinos bedeutet, das sind derzeit die drängendsten Fragen eines streamenden Filmkritikers. Man muss nicht gleich, wie Hollywood das gerne tut, apokalyptische Szenarien entwerfen. Aber es ist auch nicht ganz so leicht, das berühmte Licht am Ende des Tunnels zu erkennen – es könnte auch, wie Billy Wilder mal gesagt hat, das Licht des entgegenkommenden Schnellzugs sein.

          Ist Streaming ein Ersatz?

          Nachdem schon der Kinosommer nicht stattgefunden hat und das Virus mit dem typischen Filmindustrie-Narzissmus, der alles auf sich bezieht, zum „Superschurken, mit dem Hollywood nicht gerechnet hatte“, ernannt worden war, soll nun, was im Frühsommer noch als „Sündenfall“ galt, gängige Praxis werden: dass fürs Kino produzierte Filme im Stream laufen. Disney machte mit „Mulan“ den Anfang und ließ seine Abonnenten auf Disney+ 30 Dollar zusätzlich zahlen – was immer noch billiger ist, als wenn eine vierköpfige Familie in ein Multiplex geht und dabei Popcorn und Softdrinks konsumiert. Nur die Bond-Produzenten von MGM blieben hart, obwohl Apple und Netflix mehr als 600 Millionen Dollar für die Streamingrechte geboten haben sollen. „Keine Zeit zu sterben“ soll Ende März ausschließlich in Kinos gezeigt werden.

          Womöglich ist der „Sündenfall“ aber nur ein normaler Fall zweckrationalen ökonomischen Handelns. Steven Soderbergh hat in einem Interview mit der Website „The Daily Beast“ ganz nüchtern gesagt, hinter dem Warner-Entschluss stecke vor allem die Einsicht, „dass selbst mit einem Impfstoff das Kinogeschäft im Jahr 2021 nicht robust genug sein wird, um die Kosten zu rechtfertigen, die erforderlich sind, um einen Film wirklich groß herauszubringen“. Und groß, das hat Warner im August bei Christopher Nolans „Tenet“ erleben müssen, ist nicht immer groß genug. Mitten in der Pandemie hatte man den 200-Millionen-Dollar-Film nach mehreren Verschiebungen unter widrigsten Umständen dann doch gestartet. Die 400 Millionen Dollar, ab denen er Gewinn erwirtschaften würde, hat er bislang nicht eingespielt. Gemessen am Potential von „Tenet“ in einem normalen Kinosommer, werden Warners Verluste auf 50 bis 100 Millionen Dollar geschätzt.

          Es ist allerdings bei solchen wirtschaftlichen Perspektiven auch die Frage, ob da nicht eine Entwicklung stattfindet, in der die Pandemie nicht so sehr Ursache ist, sondern nur wie ein Katalysator wirkt. Denn schon im vergangenen Jahr hatte die „New York Times“ mit Blick auf die Streamingoffensive zwei Dutzend wichtige Akteure aus Hollywood gefragt, wie das Kino, wie wir es kennen, die nächsten zehn Jahre überleben werde: „How Will Movies (As We Know Them) Survive the Next 10 Years?“ Und nicht nur zuversichtliche Antworten erhalten.

          Natürlich stellt man sich auch bei einem Film wie Clooneys „The Midnight Sky“ solche Fragen – umso mehr, als es in der Verfilmung von Lily Brooks-Daltons Roman „Good Morning, Midnight“ auch um den Weltuntergang geht. Wobei ziemlich diffus bleibt, was genau passiert ist mit der Welt. Viel ist jedenfalls im Jahr 2049 nicht übrig geblieben von der Menschheit: ein einsamer, kranker Astronom (Clooney) in einer aufgegebenen Forschungsstation in der Arktis und die fünfköpfige Crew eines riesigen Raumschiffs, das auf dem Heimflug zur Erde ist von einem angeblich bewohnbaren Planeten namens K-23. Dazu, wie man schnell lernt, ein kleines Mädchen, das sich in der Station versteckt hat, eisern schweigt und mit dem der mürrische Himmelsbeoachter sich arrangieren muss.

          Die beiden Storys kommen nur recht langsam in Bewegung, und die Versuche des Drehbuchs, sie miteinander zu verbinden, sind oft so schwach und störanfällig wie die Funkverbindung zwischen Arktis und Weltall. Weil der Forscher die Besatzung vor einer Landung auf der Erde warnen will, muss er mit dem Schneemobil durch die Arktis zur nächsten Station, wo der Empfang besser ist. So gibt es dann eine Mission und auch ein wenig Action, wenn Mann und Kind plötzlich durch die Eisdecke brechen und der moribunde Mann im eisigen Wasser auf einmal fit wie ein Extremsportler ist; auch an Bord des Raumschiffs zwingt ein Meteoritenhagel zu gefährlichen Reparaturarbeiten im Weltraum. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass es am Ende zwar so etwas wie eine leicht verkitschte Erlösung gibt, aber kein klassisches Happy End.

          Wie ein klassischer Berlinale-Eröffnungsfilm

          Clooney hat beim Oscar-Gewinner Alfonso Cuarón in „Gravity“ gelernt, wie man ein Sujet im Weltraum ohne übermäßigen Technizismus angeht. Die Szene, in der die Schwerelosigkeit das Blut einer Verletzten in kleinen Tropfen durch die Druckkammer des Raumschiffs schweben lässt, ist sogar von einer leicht morbiden Schönheit. Clooney hat auch ein Gespür für den Stoff, er ist ein Profi, das war schon in den anderen Filmen zu sehen, in denen er Regie geführt hat. Und er nimmt sich selbst als Darsteller nicht zu wichtig. Aber er ist halt kein Regisseur für das gewisse Etwas. Und so wirkt „The Midnight Sky“ in seiner Gediegenheit, Bedeutungsschwere und mit seinen etwas zähen zwei Stunden Laufzeit wie ein klassischer Berlinale-Eröffnungsfilm. Aber eher nicht wie ein Projekt, das Studios scheuen, weil es ihnen viel zu riskant ist, und dem Netflix dann mit großer Geste Zuflucht bietet.

          Cate Blanchett und Clooney, sie mit riesiger Brille in London, er vor lila Vorhang in Los Angeles, sprachen dann hinterher auch nicht über Netflix oder gar die Zukunft des Kinos, sondern über seinen (längst abrasierten) Bart, über die tolle Kinderdarstellerin Caoilinn Springall, über Details der Dreharbeiten und über die Einschränkungen durch die Pandemie. Was dann auch in Ordnung ist.

          Die entscheidende Frage ist ohnehin, wie lange Netflix seine Ausgabenpolitik durchhalten will. Bislang hat man angesichts wachsender Abonnentenzahlen großzügig investiert. Das hatte immer auch eine symbolische Funktion: Man leistet sich einen Scorsese, einen Fincher, einen Spike Lee, und man bekommt drei Oscars für Cuaróns „Roma“. Ob das ein langfristiges ästhetisches Konzept ist oder eine eher kurzfristige Akquisitions- und Imagekampagne, lässt sich schwer beurteilen. Dass die Strategie für die Zukunft des Kinos große Bedeutung hat, ist unstrittig.

          Das „Wie“ bleibt ungewiss

          Die Annahme, wenn die Kinos geschlossen sind, dann schaue man sich eben all die tollen Blockbuster auf dem Flatscreen zu Hause an, ohne Rascheln, Husten und womöglich gefährliche Nieser, konterte das Branchenblatt „Variety“ mit dem Einwand, womöglich werde die neue Streamingwelt gar nicht so aussehen, wie sich das ihre Befürworter ausmalen. Denn wenn die Filme von vornherein für kleine Bildschirme produziert werden, dann dürften bald die Budgets schrumpfen und mit ihnen auch die visuelle Kraft, das Larger-than-Life, das einen Kinofilm ausmacht.

          Einer wie Steven Soderbergh dagegen ist optimistisch. „Let Them All Talk“ hat er für HBO Max gemacht. Und wenn man den Trailer sieht, wenn da Meryl Streep, Candice Bergen und Dianne Wiest auftauchen als alte Freundinnen, die auf der Queen Mary 2 nach Europa reisen, erkennt man auch Soderberghs Formel: mit Stars, die man aus dem Kino kennt, Filme für den Stream machen. Ein Ende des Kinos, wie wir es kennen, sieht er darin nicht. Nach der Pandemie, sagt Soderbergh, werde sich die Lage ändern: „Es gibt keine Goldmine in der Unterhaltungsindustrie, die einem Film gleichkäme, der eine Milliarde Dollar oder mehr einspielt. Das ist der Heilige Gral. Deshalb wird das Kinogeschäft nicht verschwinden. Es wird alles wiederkommen. Aber ich glaube, was Warner sagen will: nicht so bald, wie ihr glaubt.“

          Dass die Kinos künftig nur noch auf Blockbuster setzen werden, glaubt Soderbergh nicht. Er muss allerdings einräumen, dass „Flexibilität“ erforderlich sei, wenn man festlegt, wie viel Zeit vergehen soll zwischen der Kino- und der übrigen Auswertung eines Films. Eine weitere Verkürzung ist für Kinobesitzer auch in Deutschland jedoch ein bedrohliches Szenario.

          Auf dem Weg zum Anachronismus?

          Das Kino als sozialer Ort und als kulturelle Praxis kommt in diesen Kalkülen gar nicht vor. Aber solange es nicht zermahlen wird von den Folgekosten der Pandemie, wird es vermutlich überleben, so wie die Theater dank reicher staatlicher Subventionen in Ländern wie Deutschland überleben. Wenn ein Medium seine große Zeit hinter sich hat, muss es deshalb nicht notwendig verschwinden. Anachronismen haben auch noch so etwas wie eine Zukunft.

          Man sieht an diesen Szenarien auch ganz gut, wie groß die Lücke ist, die zwischen Erfahrungen, Erwartungen und Wünschen klafft. Das Erstaunliche an Steven Soderberghs Prognose ist gar nicht ihr Optimismus, sondern dass seine eigene kleine Utopie in ein Gestern führt, in dem er selbst als Kinogänger sozialisiert worden ist. Die Kinos, sagt er in dem Interview, könnten sich doch künftig dank der digitalen Möglichkeiten „in Programmkinos verwandeln“ und all die tollen Filme aus 120 Jahren Filmgeschichte zeigen. Das ist sympathisch, das ist naiv und passt am Ende auch nicht so recht zu seiner eigenen Praxis als Filmemacher. Vielleicht geht das aber auch gar nicht anders: Wenn die Gegenwart voller widersprüchlicher Tendenzen ist, werden sich daraus kaum eindeutige Hypothesen für die Zukunft ergeben.

          „The Midnight Sky“ ist ab dem 23. Dezember auf Netflix zu sehen.

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