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Palmyra : Die Spur der Steine wird ausgelöscht

Keiner der Eroberer in Palmyras Geschichte legte Hand an den Baal-Tempel, bis der IS das gewaltige Bauwerk sprengte und es zum Symbol machte. Wohin führt dieser Vernichtungsfeldzug gegen die Kultur?

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          Es gibt Ereignisse, in denen sich die Signatur eines Jahrhunderts zeigt, Vorgänge, in denen die Konflikte, von denen eine Epoche beherrscht wird, sich zeichenhaft verdichten. Zu ihnen gehört die Sprengung des großen Baal-Tempels von Palmyra. Sie ist der Höhepunkt der kulturellen Vernichtungskampagne des „Islamischen Staats“, die mit der Zertrümmerung mehrerer antiker Statuen im Frühsommer begann und mit der Zerstörung des Tempels von Baal-Schamin vor zehn Tagen fortgesetzt wurde (F.A.Z. vom 25.August).

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Logik der Eskalation, der die islamistischen Milizen des IS gehorchen, war dieser Ausgang absehbar. Und doch kann man es nicht fassen. Aber die Satellitenbilder aus Palmyra lügen nicht. Sie zeigen einen Tempelbezirk, von dem nur noch die Außenmauern und -portiken stehen, während das Gebäude selbst bis auf die nackten Fundamente abgetragen ist. Vom Tempel des Baal, der nach dem Jupitertempel in Baalbek das größte vorchristliche Pilgerheiligtum des Nahen Ostens war, stehen nur noch die Reste des Eingangsportals, das sich einst an seiner Westseite befand.

          Ein Tempel von der Größe einer Kathedrale

          Wer den Tempel noch mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich die Wucht der Explosionen vorstellen, durch die er in Trümmer gelegt wurde. Seine Cella aus Sandsteinquadern, in die auf den Längsseiten je zwei Fenster eingelassen waren, ragte gut zwanzig Meter in die Höhe, ihr Umfang erinnerte an eine romanische Kathedrale. Wenn man von der Säulenallee herkam, die das Ruinengelände von Palmyra durchquert, stiegen das Bauwerk und seine gewaltigen, 200 mal 200 Meter langen Umfassungsmauern wie ein Gebirge hinter den Steinschäften auf. In osmanischer Zeit hatte innerhalb der Mauern das Dorf Palmyra gelegen. Es war das Ende eines langen Weges, der mit der Errichtung des hellenistischen Baal-Tempels im ersten Jahrhundert nach Christus begonnen und über die Zerstörung der Stadt durch Aurelian, deren Wiedererrichtung und Nachblüte als Bischofssitz und ihre wechselvolle Geschichte im frühen Islam bis zur Plünderung durch die Mongolen geführt hatte.

          Keiner der vielen Eroberer indessen, denen Palmyra in die Hände fiel, hat das Wahrzeichen der Stadt ausradiert. Das blieb dem 21. Jahrhundert vorbehalten. Und je weiter dieses Jahrhundert fortschreitet, desto deutlicher kann man erkennen, dass sein zentraler Konflikt, der mit den Anschlägen vom 11.September 2001 begonnen hat, keiner zwischen Fortschritt und Reaktion, zwischen Globalisierung und Antimoderne ist. Der IS-Terror, so mittelalterlich er erscheinen mag, ist nur eine weitere Spielart des globalisierten Denkens. Er will die Erinnerung an die „Zeit der Unwissenheit“, wie die Epochen vor dem Islam im Jargon der Fundamentalisten heißen, austilgen, möglichst überall auf der Welt. Palmyra, Hatra, Ninive sind erst der Anfang. Denn in den kulturellen Artefakten und Bauresten verbirgt sich die Einsicht, dass die religiöse Überlieferung nicht alles ist. Sie hat Vorgänger, einen Ursprung, eine Geschichte.

          Kampf gegen die Historisierung des Islam

          Der klassische Islam ebenso wie das frühe Christentum haben diese Dimension des Religiösen respektiert. Deshalb wurden die Tempel, von Ausnahmen abgesehen, nicht zerstört, sondern weiter benutzt, zu Kirchen und Moscheen umgebaut. Der heutige Fundamentalismus aber kann Kulturgeschichte als Erkenntnisprinzip nicht zulassen, weil sie seinen Absolutheitsanspruch außer Kraft setzt. Aus ihrer Perspektive ist der radikale Islam ein Angebot unter vielen auf dem Markt der Religionen, ein Produkt der historischen Verhältnisse des späten zwanzigsten Jahrhunderts. Und je mehr sich diese Perspektive durchsetzt, je tiefer man gräbt in Palmyra, Hatra oder anderswo im Nahen Osten, um so klarer tritt auch die geschichtliche Bedingtheit der Offenbarung zutage, die der Koran überliefert. Das Christentum hat diesen schmerzhaften Prozess der Historisierung schon hinter sich, dem Islam steht er zu großen Teilen noch bevor.

          Der „Islamische Staat“ aber will ihn stoppen. Deshalb löscht er die Zeugnisse der vorislamischen Geschichte aus, und darum wird sein Feldzug gegen die Kultur auch nicht an den Grenzen des IS-Territoriums haltmachen. Die Moscheen von Damaskus und Jerusalem, die islamischen Sammlungen der großen Weltmuseen, sogar die heiligen Stätten von Mekka und Medina könnten seine nächsten Ziele sein. Die Sprengung des Baal-Tempels von Palmyra lehrt uns, dass alles, selbst das bis dahin Undenkbare, jetzt möglich ist. Man wird das Undenkbare tun müssen, um es zu verhindern.

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