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Kultur des Baseballs : Spiel des Lebens

Vor dem Wurf ist mitten im Spiel, das ewig dauert: Jordan Lyles von den Texas Rangers. Bild: AP

Wer etwas über Amerika erfahren will, muss Baseball schauen. Das geht stundenlang und beruhigt. Und war bislang – Männersache. Doch jetzt gab es eine Revolution.

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          Baseball gehört zu den Sportarten, deren Regeln man nicht verstehen muss, um trotzdem hingerissen zu sein. Es hilft natürlich, sie zu kennen, aber es macht auch nichts, sich nur einzulassen auf die Magie eines amerikanischen Nachmittags, aus dem ein Abend wird, und sie spielen immer noch. Einer wirft, der Zweite fängt, und der Dritte dazwischen versucht zu treffen. Das Gras, der Staub, die weißen Kissen, an denen entlang die Spieler voran rücken, umringt von Schiedsrichtern, die oft enorme Bäuche vor sich herschieben.

          Der Ball fliegt weit und hoch

          Was den Sport noch unwirklicher macht, weil die Spieler ja schon so erwachsen aussehen in ihren langen Hosen und Trikots (so dass man immer das Gefühl hat, einem Familienfest zuzuschauen, bei dem sich die Väter aufgerafft haben, im Garten was gegen das ganze Barbecue zu tun). Und zwischendurch fliegt der Ball weit und hoch, und einer rennt hinterher und fängt ihn oder nicht, weil er in die Ränge segelt, dann bricht das Stadion in Jubel aus, und die Kamera fährt hoch, und man ahnt hinter den Flutlichtern die amerikanische Stadt.

          Ich könnte das stundenlang gucken, kürzer ist Baseball eh nicht zu haben. Und tue es auch, immer wenn es Sommer wird, weil der Streamingdienst Dazn den Kanal der amerikanischen Baseball-Liga MLB überträgt, nonstop: Mets gegen Yankees, die Cardinals gegen die Cubs, meist in Zusammenschnitten, oft aber live, wie Mittwoch, als die Atlanta Braves gegen die San Diego Padres spielten und mir völlig egal war, wie es ausging, weil ich mal wieder nur auf die Augenblicke gehofft hatte, wenn die Kamera über die Tribünen aufzieht.

          Trucks und Tiere

          Oder Werbung kommt. Amerikanische Werbung erkennt man daran, dass es um Trucks geht oder Tiere mitspielen, die entweder gegrillt werden, dann ist es Reklame der Re­staurantkette „Wendy’s“, oder sprechen können, dann wollen sie einem Versicherungen verkaufen. Manchmal tritt auch ein wunderschönes Rentnerpaar auf die Veranda seines abbezahlten Hauses in einer Landschaft wie aus einem Roman von John Irving, dann fahren deren Kinder und Enkel in einem Truck vor, danach werden Tiere gegrillt, die sonst sprechen würden.

          Und dann ist der Traum vom Investment vorbei, und es wird weitergespielt. Eine Regel, die man beim Zuschauen übrigens gleich versteht: Baseball ist Männersache. Stimmt zwar nicht, auch Frauen lieben Baseball, aber moderiert und kommentiert wird es immer schon von Männern.

          Bis jetzt. Am Dienstag begleiteten erstmals in der Geschichte der MLB nur Journalistinnen ein Spiel. Sie hießen Melanie Newman, Sarah Langs, Alanna Rizzo und Lauren Gardner. Es spielten die Tampa Bay Rays gegen die Baltimore Orioles. Ein historischer Augenblick, aber bis es so weit war, hat es selbst für Baseball viel zu lang gedauert.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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