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Schuldspruch gegen Weinstein : Das Urteil ist ein Anfang

Das Ende, vorerst: Harvey Weinstein wird nach seiner Verurteilung abgeführt. Gezeichnet hat die Szene Elizabeth Williams. Bild: dpa / Elizabeth Williams

Ein Meilenstein für die #MeToo-Bewegung, ein Stück Gerechtigkeit, ein Hoffnungsschimmer auch für andere Branchen? Was aus dem Urteil gegen Harvey Weinstein folgt.

          3 Min.

          Dieses Urteil ist ein Anfang, und es wird, so ist zu hoffen, Folgen weit über die Filmindustrie hinaus haben. Harvey Weinstein ist der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung schuldig gesprochen worden. Zu einem Schuldspruch in den schwersten Anklagepunkten (gewalttätiger sexueller Angriff und Vergewaltigung ersten Grades) kam es allerdings nicht. Das Strafmaß, das vermutlich zwischen fünf und neunundzwanzig Jahren Haft liegen wird, soll am 11. März verkündet werden.
          Was heißt das nun? Für Weinstein ist die Sache längst nicht ausgestanden. In Los Angeles ist ein weiterer Prozess gegen ihn anhängig, unter anderem wegen vier Fällen von Vergewaltigung, und gegen das New Yorker Urteil will er Berufung einlegen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für die Frauen aber, die ihn angezeigt und gegen ihn ausgesagt haben, bedeutet dieses Urteil: Sie sind gehört worden. Und die Geschworenen haben ihnen geglaubt und sind nicht der Strategie der Verteidigung aufgesessen, aus den Opfern die eigentlichen Täter zu machen. Die Reaktionen der Frauen und ihrer Unterstützer kamen einem stolzen und erleichterten Aufschrei gleich und zeigten: wirklich gerechnet hatten sie mit diesem Urteil nicht. Weinstein auch nicht. „Ist das Amerika?“, soll er seine Anwältin gefragt haben. Das Amerika, sollte das wohl heißen, dessen amtierender Präsident sich mit sexueller Nötigung brüsten kann und sich möglicherweise bald dem Vorwurf der Vergewaltigung stellen muss?

          Freispruch für 49 von 50 mutmaßlichen Vergewaltigern

          In den Vereinigten Staaten, so stand es kürzlich in The Atlantic zu lesen, werden jährlich 125.000 Vergewaltigungen angezeigt, die bei weitem nicht alle vor Gericht kommen. Landen sie aber dort, werden von fünfzig Angeklagten neunundvierzig freigesprochen. Das hat mit der oft schwierige Beweislage in solchen Fällen zu tun, dem berühmten „he said – she said“, und es hat damit zu tun, dass immer noch den Opfern sexueller Gewalt eine Mitschuld unterstellt wird. War der Rock zu kurz, die Hose zu eng, der Mund zu rot, das Lächeln aufreizend?

          In der Filmbranche, in der Sexualität und Jugend die Ware (mit einer relativ geringen Haltbarkeit) ist, mit der gehandelt wird, ist die Sache noch komplizierter. Aussehen, Ausstrahlung, sie sind Mittel und Zweck in der Anbahnung von Arbeitsbeziehungen, wie das in keiner anderen Branche nötig und üblich ist. Das Produkt einer gemeinsamen Arbeit allerdings ist eben nicht Sex (und Jugend), sondern nur ihre Abbild auf Film. Alles, was darüber hinausgeht und nicht einvernehmlich stattfindet wie andernorts auch, und vor allem in Verbindung mit dem steilen Machtgefälle zwischen einem Produzenten und Studioboss, wie Weinstein es war, und Schauspielerinnen, die am Anfang ihrer Karrieren stehen, ist Nötigung oder auch Vergewaltigung. Das hat dieses Urteil unmissverständlich klargemacht.

          Mit Tarana Burke über Hollywood hinausschauen

          Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, noch einmal daran zu erinnern, dass die #MeToo-Bewegung bereits 2006 unter diesem Hashtag von Tarana Burke ins Leben gerufen wurde, und zwar nicht für Filmstars, sondern für Mädchen in abgehängten Gebieten, mit denen sie arbeitete. Als ihr Hashtag 2017 dann in Hollywood benutzt wurde, hat Tarana Burke sich bemerkbar gemacht und ihre Urheberschaft eingefordert. Sie wurde schließlich als eine der „Silence Breaker“ zur Person des Jahres des Time Magazine und ist heute eine der Sprecherinnen der Bewegung. Sie ist diejenige, die immer über Hollywood hinausblickt in eine Welt ohne Glamour und mit deutlich weniger Geld.

          Jetzt ist auch ein guter Zeitpunkt, an das Zimmermädchen Nafissatou Diallo zu erinnern, das Dominique Strauss-Kahn wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung anzeigte, aber erfolglos blieb. Das war 2011, und auch dies wäre eine gute Geburtsstunde für #MeToo gewesen.

          Dass Harvey Weinstein nun vermutlich für geraume Zeit ins Gefängnis muss, macht Hoffnung, dass auch in weniger publikumswirksamen Branchen sexuelle Gewalt angemessen geahndet wird. Dass sie als Macht- und Demütigungsinstrument endlich ausdient. Darum muss es jetzt gehen. Alle Menschen zu schützen, die keinen wiedererkennbaren Namen haben, im Hotelgewerbe, in der Gastronomie, der Landwirtschaft. Es muss klargemacht werden, dass jetzt, nachdem sogar ein einst mächtiger Mann wie Weinstein verurteilt wurde, auch sie ihre Vorgesetzten, ihre Bosse, ihre Vorarbeiter anzeigen können und damit vor Gericht eine Chance haben.

          Und in Hollywood? Time’s Up, rufen die Frauen nun noch lauter, und sie könnten endlich gehört werden.

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