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Banksy im Museum : Kunst vom Kuckuck

Wir haben ihn! Oder hat er uns? Staatsgalerie-Direktorin Christiane Lange präsentiert Rembrandts neuen Nachbarn Banksy Bild: Imago

Banksy macht die Kunst flach. Und die Staatsgalerie Stuttgart macht gierig mit. Wie verzweifelt kann ein Museum sein?

          3 Min.

          Vor einiger Zeit wagte die Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, Christiane Lange, in der F.A.Z. einen radikalen Vorschlag: Damit die rasant wachsende Zahl der Museen einander nicht Mittel und Besucher wegnähmen, müsse man den Gedanken zulassen, kleinere Häuser zu schließen und große besser auszustatten. Nachdem ihr Vorschlag einer gegenseitigen Kannibalisierung wenig Freunde fand, kannibalisiert Lange jetzt erst mal das eigene Haus: Seit Januar schließt die Staatsgalerie statt um 18 schon um 17 Uhr. Danach kommen nur noch Gruppen rein, Firmen etwa. Das ist zwar schon ab fünfzig Euro möglich und für zehn Leute ein Schnäppchen, aber von einem staatlichen Museum ein seltsames Signal. Es ließe sich als institutionskritische Variation auf ein Banksy-Motiv lesen: Ein Museum schiebt sich in den Schredder, unten kommen Schnipsel raus.

          Lange begründet die Aufwertung des öffentlichen Guts durch Verknappung mit einer konzisen Analyse des veränderten Verhältnisses zur Kunst: Menschen interessierten sich immer weniger für Dinge, denen sie verstehend entgegen kommen müssten, und immer mehr für solche, denen sie auf Augenhöhe begegnen können. Man muss es als Kapitulation vor der eigenen Diagnose begreifen, dass sie jetzt den Massen einen besonderen Leckerbissen zum Fraß vorwirft, das langweiligste und meistmissverstandene Werk des Jahres 2018, das kunstfressende Kunstsurrogat „Love Is in the Bin“ von Banksy, das im Oktober in London für eine lachhafte Million Pfund ersteigert worden war und darauf per Fernbedienung in den eingebauten Schredder geschickt wurde, dabei aber auf der Hälfte steckenblieb.

          Nachdem 60.000 Besucher das Objekt im Privatmuseum Frieder Burdas in Baden-Baden beglaubigten, tritt es jetzt in die nächste Aufwertungsschleife ein, in das mit Staatsvertrauen und -geld segelnde württembergische Museumsflaggschiff. Seit Donnerstag hängt der Goldrahmen mit Leinwandschnipseln hinter einer großen Scheibe Sicherheitsglas neben Rembrandts „Selbstporträt mit roter Mütze“ aus dem Jahr 1660 – klassischerweise so gehängt, dass sich die Mittelachsen treffen, so dass Banksys Rahmen durch die Schnipsel nach oben geschoben und der Ausbruchsversuch aus dem Rahmen endgültig nivelliert wird. Rembrandt und Banksy: Es ist, als würde man eine Pizza und einen Stein in den Ofen legen und hoffen, dass zwei Pizzen rauskommen.

          Maßstab ist nur der Markterfolg

          Ein Jahr lang soll „Love Is in the Bin“ durch die Sammlung wandern und Fragen aufwerfen wie „Was macht ein Bild zum Skandal?“, oder: „Werden Objekte durch Aktionen zur Kunst?“ Die Leere der Fragen lässt es ahnen: Banksy wirft überhaupt keine Fragen auf. Das Bild war ja schon in seiner Rohform uninteressant. Das anrührende Motiv des dem Mädchen davonfliegenden Luftballons zehrte vom Kontrast der klassischen Propaganda-Farben Schwarz-Weiß-Rot, aufgesext mit dem übertrieben fetten Goldrahmen. Während es immer schön ist, wenn ein Banksy an einer Hauswand oder einer Grenzmauer auftaucht und die Macht der Phantasie gegen die Mauern der Realität behauptet, wird seine Kunst, wie die meiste Street Art, wenn sie ins Museum kommt, sinnlos und schal, und erst recht, wenn private Unternehmen sie für 13 Euro Eintritt ausstellen, wie im letzten Jahr in Berlin.

          Hand an die EU-Flagge: Straßenkunst in der britischen Hafenstadt Dover, das Bild wird Banksy zugeschrieben.

          Für seine Londoner Guerrilla-Aktion wurde Banksy gefeiert wie das Kind, das den nackten Kaiser der Kunst enttarnt. Es wurde gejubelt, als blickte man endlich ins leere Zentrum dieser elitären Veranstaltung für Eingeweihte, die uns mit ihrer Unverständlichkeit und ihren hohen Preisen fortwährend beleidigt.

          Wie wenig kritische Kraft das Objekt aber hat, zeigt sich darin, wie bruchlos es die Macht seiner Käuferin und den eigenen Wert nur steigert. Und darin, wie die Torhüterin des Kunsttempels, Christiane Lange, eingezwängt zwischen der billigen Ikone und den Fernsehkameras, die irre Hängung erläuterte, nämlich nur nach Maßstäben des Markterfolgs: Rembrandt wie Banksy hätten es verstanden, sich zur Marke zu machen, Rembrandt, indem er sein Gesicht zeigte, und Banksy, indem er es nicht zeigt.

          Es hat immer etwas Wunderbares, wenn sich die Massen um ein Geheimnis versammeln. Nur, während das Geheimnis von Rembrandts Selbstbildnissen eins ist, das lebt und atmet und dabei immer ein Geheimnis bleibt, gibt es bei Banksy überhaupt kein Geheimnis. Das Schreddern ist Theater ohne Konsequenzen. Das Objekt ist selbst der nackte Kaiser, ein Fetisch der Aufmerksamkeit, er handelt von nichts als von den Blicken, die er auf sich zieht. Die vermeintliche Kritik an den Spektakeln der Kunst ist ein Spektakel ohne Kunst.

          Marketing in Werkform

          Es stimmt ja nicht, dass Menschen das Interesse an Kunst verlieren, schaut man sich die Mengen an, die in Amsterdam oder Frankfurt in klassische Ausstellungen strömen. Museen verändern sich, es drängt sich das Ereignis vor das Werk, aber wenige Institutionen sind so gut dafür geeignet, strahlkräftige Ereignisse zu schaffen wie Kunstmuseen. Durch gutes Marketing aber ist die Staatsgalerie bisher nicht auffällig geworden, obwohl ihre grandiosen Ausstellungen dafür Stoff böten. Stattdessen holt sie sich das Marketing in Werkform an die Wand. Banksy in der Staatsgalerie ist wie die Stände von Swatch und Swarovski auf Kunstmessen.

          Umgekehrt wäre es sogar denkbar, aus Banksy eine interessante Ausstellung zu machen: Man müsste nur dessen Anspruch ernstnehmen und eine Geschichte künstlerischer Angriffe auf die Kunst erzählen: Marcel Duchamps Flaschentrockner, Piero Manzonis in Dosen abgefüllte Künstlerscheiße, die autodestruktive Kunst Gustav Metzgers. Und der Entzug der Autorschaft, mit dem etwa Richard Prince ein Werk in der Sammlung Ivanka Trumps per Fernwirkung zerstörte. Nur würde dann halt anschaulich, wie blass und leer dagegen der Banksy ist.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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