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Nach „Fire & Fury“ : Warum ist Trump noch Präsident?

Melania, Donald und Barron Trump am Tag der Sonnenfinsternis im vergangenen August. die meisten Menschen beherzigten den vernünftigen Rat, sich das Spektakel nicht ohne Schutzbrille anzuschauen. Bild: Reuters

Michael Wolffs „Fire & Fury“ zeigt eindrucksvoll, dass sich hinter der Maske des Clowns tatsächlich ein Clown verbirgt. Das Entscheidende an Trump aber ist nicht der Mann. Es ist das System, das ihn umgibt.

          6 Min.

          Es scheint kaum noch etwas zu sagen zu sein über das Buch, über das seit ein paar Tagen jeder spricht, in Washington, in ganz Amerika, überall dort auf der Welt, wo man sich Sorgen um die Zukunft jener zurzeit nicht ganz so Vereinigten Staaten macht: Sämtliche brisanten Details aus Michael Wolffs „Fire & Fury“ wurden innerhalb weniger Stunden rauf und runter getwittert, schon auf den Partys des vergangenen Wochenendes hatten es selbst die eiligsten Leser schwer, mit den unglaublichen Anekdoten über Donald Trump Auskennerpunkte einzufahren.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mittlerweile kann man die Pointen nur noch wie Witze erzählen, die man als bekannt voraussetzen muss: Kennen Sie den, wo Trump einem Model erklärt, was „White Trash“ bedeutet? („Leute wie ich, nur dass sie arm sind.“) Wussten Sie schon, dass Trump seinen Bestseller „The Art of the Deal“ nicht nur nicht selbst geschrieben hat, sondern, wie sein Ghostwriter Tony Schwartz befürchtet, nicht einmal ganz gelesen hat? Und dass die einzigartige Farbe seiner Haare die Folge der unsachgemäßen Verwendung eines Färbemittels namens „Just Like Men“ ist?

          Die Rezeption des Buches und seine mediale Auswertung zerlegen es wieder in jene Bruchstücke, die Wolff zu seiner verblüffenden Geschichte zusammengesetzt hat. Wer „Fire & Fury“ nur mit einem voyeuristischen Interesse an Klatsch und Absurditäten liest, kann sich über den Erfolg des Buches nur wundern. Schließlich handelt es sich bei den meisten der vermeintlichen Enthüllungen in Washington längst um offene Geheimnisse, wie Wolff nun vor allem jene Journalisten vorwerfen, die für ihre Zeitungen täglich die Nachfrage nach frischen Trump-Aussetzern erfüllen müssen. Die Aufmerksamkeit für „Fire & Fury“ verdankt sich sicher auch dem Anteil an Indiskretionen, den Wolff genüsslich breittritt. Am Ende sind es aber gar keine sensationellen Insiderinformationen, die das Buch zu einer derart faszinierenden Lektüre machen, sondern Wolffs Talent, aus dem Material ein stringentes Drama zu machen. Wolff ist nicht der Erste, der irre Dinge aus dem Weißen Haus berichtet; aber kaum jemand vor ihm hat die Kontinuität des Wahnsinns derart anschaulich geschildert.

          Gestus der persönlichen Zeugenschaft

          Die Stärke des Buches ist nicht der Stoff, sondern die Form. So schafft es Wolff, so gut es eben geht, ein wenig Ordnung in das Chaos der Regierung Trump zu bringen. Er hat dabei vermutlich ein wenig stärker geschliffen und modelliert, als es das Ethos seiner gewissenhaften Kollegen erlaubt. Aber womöglich ist das der Grund dafür, dass ihm die meisten Kritiker in der Regel doch bestätigen, dass es ihm gelungen sei, eine größere Wahrheit zu schildern: Wolff, so lobte ihn das „Time“-Magazin, habe die Fähigkeit, „den Wald zu sehen, ohne jeden einzelnen Baum benennen zu können“.

          Dass Wolff für seine Erzählung in die Rolle eines investigativen Journalisten geschlüpft ist, ist trotzdem nicht ganz unerheblich: Schließlich verdankt sich die Wucht seines Buches auch dem Gestus der persönlichen Zeugenschaft, deren Notwendigkeit man heftig bezweifeln kann: Muss man wirklich, wie Wolff behauptet, es getan zu haben, 200 Tage wie eine „Fliege an der Wand“ des Weißen Hauses verbringen, um herauszufinden, was für ein Chaos dort herrscht? Muss man 200 Interviews mit Vertrauten und Mitarbeitern führen, um zu erfahren, dass Trump selbstverliebt, beratungsresistent und unberechenbar ist? Muss man aus vertraulichen Gesprächen mit Steve Bannon zitieren, um jemanden zu finden, der zu der verzweifelten Erkenntnis kommt: „Trump ist Trump“? Es ist bekanntlich eines der auffälligsten Merkmale des Präsidenten Trump, dass er der ganzen Welt per Twitter rund um die Uhr Einblick in seine intellektuellen Defizite gibt, seine Arroganz, seine Vulgarität. Die größten Schocks beim Leser hinterlassen noch immer die Sätze, die Trump stolz in die Welt hinausbrüllt. Es reicht zum Beispiel, wie es Wolff auch tut, seitenweise die offizielle Mitschrift von Trumps Antrittsrede bei der CIA abzudrucken, die sich so konfus liest, dass man nur glauben kann, dass es sich um ein kompromittierendes Geheimdokument handelt.

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