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Nach „Fire & Fury“ : Warum ist Trump noch Präsident?

Selbst Wolffs Kritiker würden der These zustimmen, dass die größte Gefahr dieser Präsidentschaft nicht von ihrer Skrupellosigkeit ausgeht, sondern von der herrschenden Unfähigkeit. Was hat Trump schon erreicht? Nicht einmal eine Mauer kann der Bauunternehmer errichten. Es wirkt schon fast wie eine romantische Vorstellung traditioneller Herrschaft, wenn man sich angesichts solcher Zustände noch Sorgen macht, dass sich im Schatten von Trumps unübersehbarem Versagen Kräfte formieren, die sie zu ihren Gunsten nutzen. Dabei ist dieser Verdacht schon deshalb naheliegend, weil Wolffs Buch eine Frage aufwirft, die es völlig ausblendet: Warum ist Trump noch immer Präsident? So schwer kann es schließlich nicht sein, einen Mann zu stürzen, der die Verfassung nur bis zum vierten Zusatzartikel kennt.

Trump als Scharlatan und Poser

Eine mögliche Antwort kann man wöchentlich auf der Website „Politico“ lesen, wo sich seit Trumps Amtseinführung die Kolumne „5 things Trump did this week while you weren't looking“ zu einer festen Rubrik entwickelt hat. Am Jahresende versammelte der Nachrichtendienst noch einmal 138 wichtige politische Maßnahmen und machte deutlich, dass es sich dabei weniger um Trumps heimliche Agenda handelt, sondern um die der Funktionäre seiner Partei: Die Liste sei ein „Porträt eines leisen, aber sehr gravierenden Vorstoßes der Republikaner gegen den Wirkungsbereich und die Anliegen der Regierung.“

Ähnlich sieht das auch David Frum, ein Redenschreiber des früheren Präsidenten George W. Bush, dessen Verachtung Trumps so weit geht, dass er 2016 Hillary Clinton seine Stimme gab. In seinem Buch „Trumpocracy. The Corruption of the American Republic“, das nächste Woche in Amerika erscheint, schildert auch er Trump als Scharlatan und Poser, seinen größten Zorn aber richtet er gegen die Mitglieder seiner Partei, die dieses „neue Regime der Täuschung und Dummheit“ zulassen. In einer Rezension von Wolffs Buch in „The Atlantic“ lobt Frum Michael Wolff dafür, Trumps wahre Natur so klar gezeigt zu haben wie niemand vor ihm. „Das Entscheidende an Trump aber ist nicht der Mann; es ist das System, das ihn umgibt. (. . .) Ohne die Komplizenschaft der Machthalter würde Trump aus seiner zentralen Position herausfallen wie ein Zahn aus einem verrotteten Gaumen.“ Der wichtigste Satz in Wolffs Buch, schreibt Frum, sei ein Zitat des republikanischen Senators Mitch McConnell, des Mehrheitsführers im Senat, der während des Wahlkampfs über Trump sagte: „Dieser Präsident wird alles unterschreiben, was man ihm vorlegt.“

Am meisten aber beunruhigen Frum die irreparablen Schäden, die Trumps Präsidentschaft hinterlassen könnte. Er hält nicht viel von der Beschwichtigung, dass Trumps Machtausübung viel zu dilettantisch ist, um die 200 Jahre alten Institutionen der amerikanischen Demokratie ins Wanken zu bringen. Trump setze neue Standards an Nepotismus und Korruption, die auf seine Partei abfärbten. Wenn er irgendwann Geschichte ist, so fürchtet Frum, werden seinen Nachfolger die ethischen Maßstäbe und die Mechanismen der Machtkontrolle, die einmal herrschten, vorkommen „wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche“.

Als Trump vor ein paar Tagen die erste Kabinettssitzung des Jahres eröffnete, begrüßte er die Journalisten mit den Worten: „Welcome to the studio“. Mag sein, dass alles an ihm wirklich eine einzige Show ist. Aber das schließt nicht aus, dass andere längst am Drehbuch für die Fortsetzung arbeiten.

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