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Nach „Fire & Fury“ : Warum ist Trump noch Präsident?

Wolffs Nähe zu den Protagonisten bringt kaum eine neue Information ans Licht, sieht man von Steve Bannons Aussagen über das Treffen von Don Trump Jr. mit der russischen Delegation einmal ab. Aber sie dient ihm gewissermaßen zur Ratifizierung des Offensichtlichen: Wenn selbst die engsten Mitarbeiter Trump als unberechenbar, dumm und instinktgesteuert beschreiben, kommt das fast einer offiziellen Wahrheit gleich. Und so wirkt „Fire & Fury“, auch über den Inhalt des Buches hinaus, als Katalysator sämtlicher Gerüchte über das Weiße Irrenhaus. Sein Subtext ist: Wie unglaublich die Dinge auch sein mögen, die man über Trump erzählt - sie stimmen alle. Trump ist Trump.

What you see is what you get

Nicht erst seit Trump hat der politische Journalismus eine Schwäche dafür, sich mehr für die persönlichen Motive der Politiker als für die strukturellen Hintergründe ihrer Politik zu interessieren - als könne man gesellschaftliche Entwicklungen ergründen, indem man Individuen porträtiert. Trump allerdings scheint jede Kritik an solchen biographischen Perspektiven aufzuheben: Ein Jahr nach dem Amtsantritt des Präsidenten haben sich die meisten Beobachter darauf geeinigt, dass er keine Agenda, kein Programm, keine Politik jenseits des Egoismus vertritt. What you see is what you get: Hinter der Maske des Clowns, das scheint nun auch Wolffs Buch zu bestätigen, verbirgt sich tatsächlich ein Clown. Einer solchen Figur kommt man mit der Analyse ihrer politischen Interessen nicht bei, weil es ihr nur ums Image geht.

Die Suche nach den Hintergründen seiner Politik ist vergeblich, weil alles nur Kulisse ist, impulsgetriebenes Improvisationstheater; selbst wenn es ein Drehbuch für diese Show gäbe, wäre es wirkungslos, weil Trump sich seinen Text nicht merken kann. Trump sei derart von seinem Bauchgefühl gesteuert, schreibt Wolff, dass er zu politischem Handeln gar nicht in der Lage sei, nicht einmal zu einer kalkulierten Intrige. Unter solchen Umständen helfen allenfalls Semiotik oder psychologische Telediagnosen weiter. So hat jede Vase, die Trump tollpatschig im Weißen Haus zerbricht, politische Bedeutung, die Grenzen zwischen Klatsch und politischer Recherche verschwimmen. Selbst Medien wie die „New York Times“  oder der „New Yorker“ werden in ihrer obsessiven Berichterstattung nicht müde, jede präsidiale Peinlichkeit aufzugreifen, natürlich im Namen der Verteidigung der Demokratie.

Es ist nicht so, dass Wolffs Buch jede politische Substanz fehlen würde: Vor allem seine Darstellung der Lager, die sich um Trump herum gebildet haben, ist aufschlussreich. Selten wurde so anschaulich geschildert, welche Kräfte um Trumps Sympathien kämpfen: der Alt-Right-Flügel um Steve Bannon; die Familienbande um Jared Kushner und Ivanka Trump, die mit einer neoliberalen Politik ihre Freunde von Goldman Sachs glücklich machen will; und das republikanische Establishment um den ehemaligen Stabschef Reince Priebus. Doch auch diese Konstellation hat am Ende eher Züge einer Tragikomödie, weil Trumps erratisches Verhalten offenbar alle Seiten derart lähmt, dass sich keine wirklich durchsetzen kann.

Die Abwesenheit einer Hierarchie zwischen Bannon, der Familie und der Partei führt nur dazu, dass sich alle ständig gegenseitig sabotieren. Trump ist zwar offen für jeden Rat (solange er ihm mündlich gegeben wird); aber dank seiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne hält jeder Versuch, auf ihn Einfluss zu nehmen, nur bis zum nächsten. Selbst Bannon, der am liebsten das ganze System dekonstruieren will, hat mangels politischer Erfahrung keine Ahnung, wie man eine Gesetzesänderung auf den Weg bringt. Stattdessen versuchte er, mit Dekreten Chaos zu stiften, für ihn immerhin ein Teilsieg gegen die Bürokratie.

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