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Wohnungsbau : Warum sind unsere Städte so hässlich?

Ein schlagender Vorschlag kommt aus Berlin. Dort kämpfen Architekten wie Arno Brandlhuber dafür, dass der paralysierte Staat kreativ von seiner Gesetzgebungskompetenz Gebrauch macht. Sie schlagen etwa vor, die erlaubte Traufhöhe, die in Berlin oft bei 22 Metern liegt, was auf eine Regel aus dem neunzehnten Jahrhundert und die damalige Länge der Feuerleitern zurückgeht, auf 26 Meter zu erhöhen.

Hamburg : Der Wohnungsbau boomt

Damit soll privaten Hausbesitzern der Aufsatz von luxuriösen und lukrativen Penthäusern ermöglicht werden, wenn das Belichtung und Belüftung der Nachbarhäuser nicht beeinträchtigt – und wenn sie sich, und das ist der wesentliche Punkt, im Gegenzug verpflichten, über den ganzen Lebenszyklus des Gebäudes eine Etage für 6,50 Euro pro Quadratmeter zu vermieten, um so den dringend benötigten Wohnraum für Geringverdiener zu schaffen. Privaten Hauseigentümern und Immobilienentwicklern würde das den Bau von teuren Dachlagen ermöglichen, und gleichzeitig würden im Handumdrehen Tausende bezahlbarer Wohnungen mitten in der Stadt und nicht als neues Wohngetto am Stadtrand geschaffen und die gewünschte soziale Mischung ermöglicht.

Nutzungsdichte und Energiesparverordnung auf dem Prüfstand

Auch sonst muss man an Gesetzen und Verordnungen ansetzen. In ihnen bildet sich immer noch viel zu sehr die städtebauliche Ideologie der fünfziger Jahre ab. Man kann die Höchstdichten-Verordnungen historisch verstehen als einen Versuch, unhygienische Wohnverhältnisse wie in den Hinterhöfen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zu vermeiden. Aber heute muss eine hochverdichtete Bebauung nicht automatisch muffig, dunkel und feucht sein, zumal sie anders genutzt wird; baubar ist sie dennoch nur unter Schwierigkeiten. Das Problem ist aber die zugelassene Nutzungsdichte. Die verdichtete europäische Stadt, wie Millionen von Touristen sie lieben, wäre heute so gar nicht mehr baubar.

Auch andere gutgemeinte Verordnungen müssten überprüft werden: Die Energieeinsparverordnung mag im Prinzip sinnvoll sein, um kosten- und flächensparend zu bauen, aber nicht in jedem Raum muss das Temperaturniveau den maßlosen Komfortidealen einer Gesellschaft entsprechen, die auch bei zwanzig Grad minus draußen im Hausflur behagliche 25 Grad über null verlangt; nicht jeder Dachboden muss mit dem Fahrstuhl erreicht werden können. Wer überall Höchststandards ansetzt, darf sich nicht beschweren, wenn das Bauen immer teuer wird. Hier müsste man das Bauordnungsrecht genauer auf seinen Hang zu Komfortexzessen abklopfen.

Auch in den Vereinigten Staaten wird versucht, der Wohnungsnot über verblüffend einfache Änderungen der Regelwerke Herr zu werden. Würde jene einfache Regel aufgehoben, die die Überbauung von Parkflächen zwischen den Hochhäusern von New York verhindert, schreibt Michael Kimmelman in der „New York Times“, wäre Baufläche in der Größe des halben Central Parks schlagartig frei.

Durch kleine Veränderungen im Verordnungswesen wäre vieles möglich. In Deutschland gibt es eine Neubauquote von einem Prozent; es müsste viel intensiver über die Umnutzung des staatseigenen Bestands nachgedacht werden: Kann aus einem Behördenbau ein Wohngebäude werden, kann ein Parkhaus ein Studentenheim mit großer Dachterrasse werden? Staatliche Wohnungsbauförderung könnte auch für solche Projekte Wettbewerbe und Gelder ausschreiben. Nie war Baugesetzgebung interessanter; gut vorstellbar, dass die neue Stadt vom Justizsenator gestaltet wird.

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