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Wohnungsbau : Warum sind unsere Städte so hässlich?

Doch das sorgt für neue Probleme: Die Wohnungsbaugesellschaften können gar nicht so schnell bauen, wie das politische Plansoll erfüllt werden muss. Weil die Ausgaben für den sozialen Wohnungsbau eingestellt worden waren, gibt es heute bei den Wohnungsbaugesellschaften kaum noch Planer, weswegen man diese Aufgabe weitgehend an Generalübernehmer abtritt, deren Projektsteuerer vor allem den finanziellen und den zeitlichen Rahmen einzuhalten versuchen.

Und weil alle Beteiligten unter enormem Druck stehen, das Plansoll zu erfüllen, tendieren sie zu bewährten Lösungen - also den üblichen energetisch optimierten öden Riegelbauten mit vorgestellten Stahlbalkonen, die man schon tausendfach gebaut hat. Für Experimente, Wagnisse, innovative Ideen, wie sie leidenschaftliche Politiker, Stadtplaner und Architekten durchsetzen könnten, ist da wenig Platz – zumal auch, wie zuletzt in Berlin, die Gelder für Internationale Bauausstellungen gestrichen werden, auf denen neue Wohnbautechniken und Wohnformen hätten erprobt werden können.

Wohnbaugettos im ökologischen Tarnhemd

Nachdem man lange nichts baute, baut man jetzt zu viel – nämlich zu viele falsche Wohnungen, neue Gettos mit energetisch korrektem Öko-Touch, aber ohne urbane Qualität, ohne wirkliche Durchmischung. „Es gibt im Bauen eine Verwirtschaftlichung der Interessen“, sagt Thomas Kaup, der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Architekten in Berlin, „Kosten und Terminen wird ein enormer Vorrang eingeräumt, über architektonische Qualität wird dann oft kaum noch geredet.“

In Berlin könnte durch kleine Änderungen bezahlbarer Wohnraum in der Stadtmitte entstehen.
In Berlin könnte durch kleine Änderungen bezahlbarer Wohnraum in der Stadtmitte entstehen. : Bild: INTERFOTO

Was zurzeit gebaut und als Wiederauferstehung der sozialen Stadt gefeiert wird, ist oft nur die Rückkehr des sozialen Wohnungsbaugettos im grünen Tarnhemd: in den allermeisten Fällen wieder das praktische, trostlose, für die Bauindustrie optimale, weil günstig zu errichtende, dicke, vollwärmegedämmte, ästhetisch dumpfe Wohnregal. Hunderte von Millionen werden in falschen Bauten versenkt, um Lebensentwürfe und Bewohner herum gebaut, die es gar nicht gibt. Also doch lieber kein neuer sozialer Wohnungsbau?

Staatliche Baupolitik wird traditionell angegriffen mit dem Argument, in einer freien Gesellschaft müsse jeder so bauen dürfen, wie er wolle. Dass er das kann, sobald der Staat sich zurückzieht, war einer der größten Irrtümer des Liberalismus; wo der Staat auf Gestaltungssatzungen und Bebauungspläne verzichtet, kommt nicht der souveräne Bürger zu seinen Recht, sondern die Bauindustrie diktiert im Verbund mit den Lobbys des Schlüsselfertigen, wie gelebt wird. Die dominierenden Wohnmodelle sind dann diejenigen, die sich am besten rentieren, und so sehen die Zentren der Städte dann meistens auch aus: wie begehbare Anlagedepots mit ein paar Trostparks.

Kleine Änderungen mit großer Wirkung

Also was tun? Der Staat kann so viel Wohnraum, wie man braucht, nicht allein bauen. Er braucht die Privaten. Doch kann man Marktinteressen und Anstrengungen zur Erhaltung der sozialen Stadt überhaupt in Einklang bringen? Man kann, wenn man einsieht, dass der Investor nicht immer der Böse im Städtebauspiel ist und die Turbokapitalisierung der Innenstadtarchitektur und ihre soziale Verödung kein neues Naturgesetz sind, dem der gutmeinende Staat machtlos gegenüberstehen muss. Man kann Situationen schaffen, von denen der private Investor ebenso profitiert wie der einfache Stadtbewohner, und das durch einfache Eingriffe ins Bauordnungswesen. Durch einfache, fast minimalistische Veränderungen der Regeln.

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