https://www.faz.net/-gqz-8gsd6

Deutsche Muslime : Unter einem Himmel

Innenansicht der Ditib-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh, der größten Moschee in Deutschland. Bild: ddp Images

Muslime sollen in Deutschland leben – aber bitte ohne Islam. Waren wir nicht schon mal weiter? Warum der Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, völlig sinnlos ist.

          Vor einiger Zeit hat mir ein Soldat des Wachbataillons erzählt, wen er schon alles am roten Teppich von Schloss Bellevue begrüßen durfte: Barack Obama, François Hollande, die Queen. Das Wachbataillon ist das Gesicht der deutschen Armee bei Staatsempfängen. Es ist bekannt für seinen hohen Korpsgeist, seine Tradition reicht zurück bis in preußische Zeiten. Auf die veränderte Welt hat das Wachbataillon trotzdem reagiert.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Soldat, mit dem ich sprach, ist Deutsch-Libanese und gläubiger Muslim. Das fünfmalige Gebet könne er problemlos mit seinem Dienstalltag vereinen, er faste und gehe jeden Freitag in die Moschee. Der Glaube sei seine innere Richtschnur und helfe ihm, ein besserer Mensch zu sein. „Ich bin stolz darauf, für eine Institution zu arbeiten, die die demokratischen Werte Deutschlands schützt“, sagte der Soldat.

          In diesen Tagen muss ich oft an diese Begegnung denken. Keine vierundzwanzig Stunden, nachdem die AfD in Stuttgart „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ verkündet hatte, hatte Deutschland sie wieder, die Debatte über den Islam.

          Und jetzt herrscht auf einmal wieder eine Stimmung ähnlich wie 2010, als Thilo Sarrazin mit seinem rassistischen Ressentiment in „Deutschland schafft sich ab“ Vorurteile mobilisierte – inszeniert als Tabubruch und verknüpft mit Handlungsvorschlägen an die Politik, wie sie sonst nur antidemokratische Parteien fordern. Endlich traut sich mal eine Partei, das zu sagen, jubeln viele auch jetzt, mit dem typischen In-Deutschland-darf-man-ja-nichts-mehr-sagen-Gestus. Waren wir in Sachen Islam nicht schon längst viel weiter?

          Mobilisierte Vorurteile

          Der Islam gehört zu Deutschland: Christian Wulff hat diesen Satz, den auch Angela Merkel sich später aneignete, nicht als erster gesagt, viele Nichtpolitiker haben das schon vor ihm getan und auch Wolfgang Schäuble, als er 2006, damals noch Innenminister, die erste Islamkonferenz eröffnete.

          Was ist seitdem nicht alles geschehen: Diese Islamkonferenz, ein Meilenstein des Dialogs zwischen Muslimen und der Politik, jährt sich 2016 zum zehnten Mal; seit 2008 wird der deutschsprachige bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht flächendeckend an Schulen eingeführt, vier Universitäten bilden islamische Religionslehrer und Imame aus - dass es nicht gut sein kann, wenn nur importierte Imame aus dem Ausland in Deutschland predigen, hat nicht erst die AfD erkannt.

          Diese Zentren der islamischen Theologie bieten die wichtigsten Impulse für einen „deutschen Islam“, der grundgesetzkonform, friedliebend, undogmatisch und unabhängig von fremden Staaten ist. Um Gleiches bemühen sich kleine, aber geistig umtriebige liberale Verbände, bei denen völlig außer Frage steht, dass ihre Werte und Normen sich an den Leitlinien des Grundgesetzes orientieren.

          Deutschland hat einen muslimischen Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, Navid Kermani, im Bundestag sitzen muslimische Politiker. Sollen all diese Entwicklungen nun wieder in Frage gestellt werden? Darf etwas nur zu Deutschland gehören, wenn es sich historisch bis – ja, bis wohin eigentlich - zurückverfolgen lässt? Es wäre eine äußerst altbackene Sicht auf die Wirklichkeit.

          Das Lebensgefühl der AfD-Vordenker, die diese Debatte ausgelöst haben und der Islamkritiker, die sie nun befeuern, ist nach eigenem Bekunden nicht primär gegen etwas gerichtet. Sie behaupten, sie hätten nichts gegen Muslime an sich. Fremdenfeindlich seien nur die anderen, die Rechtsradikalen, von denen man sich selbstredend distanziert. Man selbst sei nur Verteidiger der eigenen Kultur.

          Gibt es Christen ohne Christentum?

          Muslime sollen in Deutschland leben dürfen – aber bitte ohne Islam. So will es die AfD, so wollen es auch jene, die den Populismus nun aufgreifen, etwa Volker Kauder von der CDU. In einem Interview hat er gerade gesagt: „Muslime gehören zu Deutschland – der Islam nicht.“

          Weitere Themen

          Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

          Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

          Kein Appeasement mit dem Islamismus

          Religionskritik : Kein Appeasement mit dem Islamismus

          Ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Nein, meint der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. Er verteidigt auf einer Konferenz an der Goethe-Uni in Frankfurt sein Recht auf freie Meinungsäußerung.

          Topmeldungen

          Mutmaßliche Angriffe im Golf : Tanker, Lügen – und Videofilme

          Es gibt viele Deutungen der jüngsten Vorfälle im Golf von Oman. Ironischerweise gewinnt in der gegenwärtigen Krise Amerikas Position gegenüber Iran an Glaubwürdigkeit – gerade durch den Faktor Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.