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Deutsche Muslime : Unter einem Himmel

Dieser Satz hebe das tolerante Miteinander und die Gleichwertigkeit der Religion auf. Dabei ist der Gott im Islam auch jener, an den Juden und Christen ihre Gebete richten. Er ist der Gott von Abraham, Isaak und Jakob. Auf ihn bezog sich Aygül Özkan, die 2010 in Niedersachsen als erste muslimische Landesministerin berufen wurde. Sie bestand darauf, nach Artikel 56 des Grundgesetzes mit dem Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ vereidigt zu werden.

Der Gott der Juden, Christen und Muslime

Nimmt man es genau, dann hat es eben mit diesem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu tun, dass sich in der Geschichte der Bundesrepublik alle gläubigen Amtsträger, gleich ob Christen oder Juden, auf „Gott“ als Schutz und Zeuge ihrer regierungsamtlichen Gewissenhaftigkeit berufen konnten.

Letztendlich bestätigte Aygül Özkan mit ihrem Schwur die Tauglichkeit des Grundgesetzes für das plurale Deutschland. Denn der Gott in der Eidesformel des Artikels 56 ist derjenige, der auch in der Präambel ganz vorne steht.

Dass man tatsächlich in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben kann, so wie viele deutsche Muslime es tun, sorgt in weiten Teile der Gesellschaft noch immer für Verunsicherung. Davon will die AfD profitieren. Anstatt das kulturell Neue als bereichernd zu verstehen, als etwas, das man gemeinsam gestalten kann, will sie an einer bestimmten Identität festhalten.

Die Partei konstruiert diese Identität, indem sie sagt, was man alles nicht sein will oder ist. Deshalb möchte die AfD auch nicht mit Muslimen reden, sondern nur über diese. Sie braucht „die Muslime“ und „den Islam“ zur Selbstaffirmation: als das Andere, das Fremde, das die eigene Kultur bedroht.

Muslime in Deutschland sind nicht die homogene Gruppe, als die sie oft vorgestellt werden. Sie sind wie ein Mosaik, dessen Muster und Farben gerade ausgehandelt werden. Viele lösen sich von den religiösen Praktiken, die ihnen die Eltern und Großeltern aus den Herkunftsländern überliefert haben. Die Immigration funktioniert wie ein Bruch mit der Autorität des religiösen Wissens.

Sie eignen sich die Religion auf eine sehr bewusste, intellektuelle Art neu an. Es sind Muslime, die integriert leben und gläubig sind, ohne islamistisch geprägt zu sein. Man nimmt sie nur selten wahr, denn sie treten nicht durch spektakuläre Demonstrationen in Erscheinung und kaum als Gäste in Talkshows. Denn der Islam, den sie vertreten, lässt sich nicht auf das Streitbare reduzieren.

Integriert und gläubig

Mit den syrischen Flüchtlingen wird sich die islamische Vielfalt in Deutschland noch vergrößern. In Syrien lebten sie einen Islam, der in dem Sinn konservativ ist, dass er sich dem extremistischen Missbrauch des Glaubens verschließt.

Sie werden sich leichter integrieren, wenn die deutsche Gesellschaft ihnen verdeutlicht, dass deutsch und muslimisch sein keinen Widerspruch darstellt und dass die Ausübung ihres Glaubens ohne weiteres auf deutschem Boden möglich ist. Für den Islam in Deutschland sind die Flüchtlinge eine Chance, da durch sie die Dominanz der türkisch geprägten Verbände auf lange Sicht aufweichen könnte. Ganz sicher werden die Syrer nicht Türkisch lernen, sondern Deutsch.

Die 2010 durch das Sarrazin-Buch ausgelöste Debatte brachte nichts Neues. Trotzdem hieß es am Ende, dass sie gut, wichtig und „mutig“ gewesen sei. In Wirklichkeit hat sie die Atmosphäre nur nachhaltig vergiftet. Es ist wahrscheinlich, dass es diesmal mit dem Vorstoß er AfD genauso ausgehen wird.

Dass der Islam Teil der deutschen Lebenswelt ist, ist aufregend und bereichernd. So wichtig es für den Beobachter sein mag, sich ein Urteil über die Religion zu bilden, es wird in jedem Fall Muslime geben, die diesem Urteil nicht entsprechen. Und am Ende sind sie es und nicht die AfD oder andere Populisten, die bestimmen, was ihre Religion ist oder sein kann.

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