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Deutsche Muslime : Unter einem Himmel

Muslime sind aber nicht ohne die Religion denkbar. Genauso, wie Protestanten oder Katholiken nicht ohne das Christentum denkbar sind. Als Ethnie wird man die vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben (die Geflüchteten nicht mitgerechnet), wohl nicht bezeichnen wollen.

Deutscher Alltag - zwei Damen schminken sich in einem Schaufenster in der Mall of Berlin.

Man muss den wenigsten von ihnen erklären, dass das Grundgesetzes schützenswert ist. Aber genau dieser Nachholbedarf wird den Muslimen jetzt wieder unterstellt. Von den insgesamt etwa 2600 Moscheen, die es hierzulande gibt, stehen 90 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Schätzungen sprechen von 7 500 Salafisten, die es in Deutschland geben soll.

Verglichen mit der Gesamtzahl der Muslime ist das nicht viel. Daraus abzuleiten, alle Muslime seien verkappte Islamisten, wäre genauso bizarr, als würde man, da es regelmäßig Übergriffe von Rechtsextremisten gibt, alle Deutsche zu Rechtsextremisten erklären.

Bizarre Schlussfolgerungen

Unter den Muslimen in Deutschland sind nicht nur die Fundamentalisten erstarkt, sondern auch die Gegenkräfte, die ein säkulares Gesellschaftsmodell vertreten oder es sogar religiös begründen - auch das kann man nämlich mit dem Koran. Er ist weder ein Manifest für noch gegen die Moderne, die Demokratie oder das deutsche Grundgesetz.

Mit dem Koran kann man Sozialismus und Monarchien legitimieren, die Trennung von Staat und Religion ebenso wie deren Einheit. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015 hat gezeigt, dass 90 Prozent der hier lebenden Muslime nicht etwa den Gottesstaat, sondern die Demokratie für „eine gute Regierungsform“ halten. 60 Prozent bejahen nicht nur die Homosexualität, sondern sogar die Homoehe – was für Islamisten des Teufels ist.

Die Anhänger der AfD wollen zurück in eine Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Sie nehmen eine überlieferte Lebensweise in Anspruch. Genauso machen es radikale Islamisten, gegen die ja die AfD nach eigenem Bekunden zu Felde ziehen will.

Auch radikale Islamisten wollen eine Lebensweise, die es in dieser Reinheit nie gegeben hat. Beide glauben, dass es Rückwärtsgewandheit braucht, um vorwärts zu gehen. Ironischerweise konstruieren sich beide auf diese Weise ein Gesellschaftsmodell, das von vornherein Freizügigkeit und Toleranz ausschließt.

Studien haben für Frankreich gezeigt, dass nicht die islamische Religionszugehörigkeit die Menschen verstört, sondern schlicht: die Sichtbarkeit religiöser Praxis. Für Deutschland existieren solche Untersuchungen nicht. Dass es ähnlich ist, haben vergangene Konflikte über den Islam gezeigt. Sie entflammten in der Regel dort, wo Muslime den Islam sichtbar machen: durch den Bau von Moscheen, durch das Tragen des Kopftuchs. Selbstbewusst bekennen sich Gläubige auf diese Weise zu ihrer Religion.

Zu jeder Religion gehört ihre Sichtbarkeit

Sie tun damit etwas, was die Mehrheitsgesellschaft hinter sich gelassen hat - die Säkularisierung Westeuropas geht weit über die Trennung von Staat und Religion hinaus, sie zeigt einen grundsätzlichen Bedeutungsverlust der Religion. Zu sehen, dass es Menschen gibt, die es anders halten, noch dazu im exotischen Gewand, ist für viele nur schwer zu akzeptieren. In ihren Augen widerspricht es dem Bekenntnis zur Demokratie.

Es ist deshalb nicht überraschend, dass die AfD dem Kopftuch von Lehrerinnen, der Vollverschleierung und dem Minarett den Kampf angesagt hat. Sie tut so, als seien Moscheen per se Orte des Verdachts, Anlaufstellen für Radikale. Die Partei macht aus der Religion eine Ideologie, indem sie dem Minarett und dem Ruf des Muezzins unterstellt, nichts anderes als den Herrschaftsanspruch der Religion zu manifestieren.

Gesellschaftsraum der Mannheimer Javuz Sultan Selim-Moschee.

In Deutschland sind die meisten Minarette jedoch diskret, nämlich kleiner als der nächstgelegene Kirchturm. Von den wenigsten ertönt der rituelle Ruf zum Gebet. Die Partei stört, dass zu ihm die Worte „Es gibt keine Gottheit außer Allah“ gehören.

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