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Niederländer und Deutsche : Von den Moffen zu Lieblingen

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Typisch deutsch, doch für Niederländer nicht mehr schlimm: Sandburgenbau Bild: dapd

In ihre Sprache ziehen deutsche Begriffe ein, und die Demokratie des Nachbarn ist gar nicht schlechter als die eigene: Warum die Niederländer zu ihrer eigenen Verblüffung auf einmal die Deutschen mögen.

          Deutschland ist unter Niederländern auf eine Weise populär geworden, die noch vor zwanzig Jahren undenkbar war. Seit 2006 aber sind die Deutschen laut Umfragen die beliebtesten Nachbarn der Niederländer. Nun könnte man spotten und sagen: Kein Kunststück bei der Auswahl, denn die Niederlande haben nur zwei direkte Nachbarn. Die anderen sind die Belgier. Und im Westen ist das Meer. Ja, Nachbarn kann man sich nicht aussuchen, Urlaubsziele aber schon. Deutschland ist inzwischen auch Reiseziel Nummer eins der Niederländer und hat Frankreich auf Platz zwei verwiesen.

          Es gibt derzeit ein Dutzend aktueller Bücher niederländischer Publizisten, die Deutschland offen und voller Sympathie beschreiben: als Land mit höflichen Menschen, schönen Landschaften wahlweise mit oder ohne Berge, leckerem Essen und einem aufgeklärten Blick auf die deutschen Vergangenheit. Man könnte fast rot werden.

          „Dann musst du ja unter lauter Deutschen wohnen“

          Die Buchtitel lassen keinen Zweifel zu. „Warum wir auf einmal die Deutschen lieben – und sie darüber erschrecken“ betitelte Merlijn Schoonenboom, Deutschland-Korrespondent der führenden Tageszeitung „Volkskrant“, sein Buch. Dann kam Sietse van der Hoek mit „Alles klar – Deutschland von A bis Z“, das beschreibt, wie Deutschland in niederländischen Augen so hip wurde. Von Wouter Meijer, dem langjährigen Deutschland-Korrespondenten des niederländischen Rundfunks (NOS), erschien erst im März „Wir können nicht alle Deutsche sein – Was wir von Deutschland lernen können“. Im Frühjahr widmeten die Niederlande ihre Buchmesse, die „boekenweek“, dem Nachbarland – zum ersten Mal (F.A.Z. vom 12. März) –, und umgekehrt werden die Niederlande und Flandern im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse sein.

          Legendär waren die Schwierigkeiten des niederländischen Rundfunks, noch in den neunziger Jahren geeignete Leute als Korrespondenten nach Deutschland zu schicken. „Haben sie nichts Besseres für dich gehabt? Dann musst du ja unter lauter Deutschen wohnen“, hätten ihm seine Kollegen gesagt, erinnert sich Philippe Remarque von der „Volkskrant“.

          Dem Erfolgsschriftsteller Leon de Winter war bei der Boekenweek das Erstaunen anzumerken: „Die Deutschen sind in den Augen der Niederländer ein sehr einnehmendes Volk geworden, uns sehr nah. Sie sind sehr sensibel, und sie haben ein unglaubliches Bewusstsein für ihren Platz in der Welt und die Geschichte.“ De Winter, geboren 1954 im Osten der Niederlande, stammt aus einer Familie armer orthodoxer Juden. Seine Eltern überlebten als Einzige in der Familie den Holocaust.

          Abfällige Bemerkungen über Deutsche kamen früher gut an

          Die Niederlande haben siebzehn Millionen Einwohner, Deutschland hat etwa achtzig Millionen. Und kleinere Nachbarn pflegen ihre großen mit einer Mischung aus Respekt, Bewunderung, Abneigung und Angst anzusehen. Viele Niederländer verfolgen die deutsche Politik ziemlich regelmäßig, umgekehrt dürften die meisten Deutschen kaum wissen, wer das Nachbarland gerade regiert. Damit lässt es sich für die Niederländer leben. Schmerzhafter ist, dass im Nachbarland auch nicht zur Genüge bekannt sein dürfte, dass die Niederlande im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt waren - und welche Wunden das geschlagen hat. Es gab Deportationen, Strafaktionen und einen schrecklich kalten Hungerwinter 1944/45. Die Besetzung von 1940 war ein Überfall durch den großen Nachbarn, obwohl der kleine auf die eigene Neutralität gebaut hatte.

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