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Indische Spendengesetzgebung : Wer hat Angst vor Mutter Teresas Schwestern?

  • -Aktualisiert am

Andenken: Ordensschwestern versammeln sich vor dem Bild der Gründerin. Bild: AFP

Die herrschende Klasse in Indien fürchtet eine Überfremdung des Landes: Ideologisch motiviert ist daher die Gesetzgebung zu NGOs. So gerät nun auch Mutter Teresas Orden in den Streit um Bekehrungen zum Christentum.

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          Um die Missionare der Barmherzigkeit ist es seit Mutter Teresas Tod vor einem Vierteljahrhundert still geworden. Die aus Berlin stammende Nachfolgerin, Schwester Prema, bemüht sich um einen Führungsstil, der möglichst kein Aufsehen erregen soll. Explizit bescheiden tritt sie auf und verwaltet ihren Orden, dem es weiterhin nicht an Neueintritten und an Spenden fehlt.

          Mutter Teresa hat ein erstaunliches Nachleben erfahren. Eine Prachtstraße Kalkuttas, an der ironischerweise gerade Geschäfte für reiche Konsumenten liegen, früher Park Street, trägt mittlerweile ihren Namen. Büsten und Statuen der heiliggesprochenen Ordensgründerin sieht man in Westbengalen allenthalben, nicht nur in der Großstadt. Noch mehr als zu ihren Lebzeiten ist Mutter Teresa eine Ikone Kalkuttas sowie der gesamten indischen Bevölkerung geworden, sie trägt weiterhin das Ansehen ihrer Ordensgemeinschaften. Ihr Grabmal im „Mother House“, in dem sie ein Zimmerchen bewohnte und ihre Gäste empfing und in dem wie eh und je die Novizinnen ausgebildet werden, ist zu einer Attraktion für die Besucher Kalkuttas geworden. Es kommen keineswegs nur christliche Pilger, sondern auch Touristen und einfache Menschen anderer re­ligiöser Zugehörigkeit.

          So gesehen, war der kürzliche Entschluss der indischen Regierung, dem Orden die Erlaubnis zu entziehen, ausländische Devisen zu empfangen, eine Überraschung. Man fragt sich, wer letztlich der Verlierer dieser Entscheidung sein wird – der Orden oder doch die Regierung? Denn dass die Entscheidung aufrechterhalten wird, kann sich niemand im Land recht vorstellen. Nicht ohne Anlass hatte die indische Regierung schon vor mehr als einem Jahr begonnen, Spenden aus dem Ausland an Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu überprüfen. Ein neues strengeres Verfahren, das den Weg regelt, auf dem solche Gelder ihre Nutzer in Indien erreichen, trat in Kraft: Jede NGO, die nach einem – oft jahrelangen – Verfahren die Genehmigung erhalten hat, Auslandsspenden zu empfangen, muss sie nun über ein zentrales Konto in der Hauptstadt Neu-Delhi abrechnen.

          Im Zuge dieser Änderungen sind Tausende von Spendenkonten, die nicht diesen Regeln entsprechend unterhalten wurden, annulliert worden. Die Konzentration des Spendengeldverkehrs auf die Hauptstadt ist nur ein Element, das die Regierung, die das Land unter der Flagge eines Hindu-Nationalismus einen will, den zentrifugalen gesellschaftlichen Kräften entgegensetzen will. An allen Ecken und Enden Indiens entstehen derzeit Bewegungen, die auf Eigenständigkeit und separate Identität pochen. Deshalb verfolgt die Regierung wachsam, in welche Kanäle ausländische Gelder fließen.

          Angst vor Diversität und Pluralität

          Zwar ist es Indien erspart geblieben, von islamistischen Gruppen unterwandert zu werden, doch weite Gebiete im Norden des Landes werden immer noch von maoistischen Gruppen beherrscht. Die Kontrolle der Auslandsdevisen drückt aber auch die Angst der herrschenden Klasse vor Überfremdung, genauer: vor Pluralität und Diversität aus. Diese Schlagworte, die zurzeit die Diskurse in der westlichen Welt beherrschen, haben in der indischen Gesellschaft noch keine Sogkraft entwickelt.

          Das im Hinduismus angelegte inklusive Denken könnte eine Brücke dazu sein. Doch wird es derzeit politisch abgelehnt. Stattdessen kämpft man um atmanirbhar (Selbständigkeit, Selbstvertrauen). Die Angst vor dem Christentum ist Teil dieser komplexen Abwehrreaktion. An­griffspunkt ist dabei meist die christliche Mission. Schon jahrzehntelang, aber in jüngster Zeit verstärkt wurden von verschiedenen Bundesstaaten Gesetze gegen Zwangsbekehrungen erlassen. Die christlichen Kirchen sind vorsichtig geworden und haben sich immer deutlicher von Bekehrungen als Ziel ihrer Evangelisation abgewandt. Aber wie sollen sich Kirchen in Indien verhalten, wenn Menschen ihnen beitreten wollen? Der Unterschied zwischen freiwilliger und erzwungener Bekehrung ist nicht eindeutig festzulegen.

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          Diese Grauzone machen sich indische Rechtsradikale zunutze, um christliche Kirchen anzugreifen. Es ist daher kaum überraschend, dass, wie die in Kalkutta erscheinende Zeitung „Telegraph“ in der Weihnachtswoche berichtete, nun auch den Missionarinnen der Barmherzigkeit Bekehrungsversuche vorgeworfen werden. Gespannt warten viele Menschen nicht nur in Kalkutta darauf, wie sich dieser Konflikt entwickeln wird. Und wie man ihn lösen kann.

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