https://www.faz.net/-gqz-9ygx8
Hannes Hintermeier (hhm)

Neue Geschäftsmöglichkeiten : Wenn Thomas Bernhard Maske trüge

Gesichtsmaske aus dem 3D-Drucker der Ruhr-Uni Bochum Bild: dpa

In Munderfing werden die Gedichte des österreichischen Dichters Thomas Bernhard gedruckt und vertrieben. Warum der Verleger Heiner Gann jetzt auch „individualisierte Gesichtsschilder“ verkauft.

          2 Min.

          Munderfing, an den westlichen Ausläufern des Kobernaußer Waldes gelegen, ist nicht gerade eine Perle des Innviertels. Aber neben den Produktionsstätten eines weltbekannten Motorrad- und Fahrradherstellers, dem Swingerclub Treff bei Herbert und Maria, einem Zierfischkeller und einer Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten ist dieses Mischgebiet auch die Heimat der Firma Aumayer Druck und Verlag. Und wann immer dieser Name ins Spiel kommt, wissen Anhänger des postum zum österreichischen Staatsdichter erhobenen Thomas Bernhard, dass sie genau hinsehen müssen. Denn der Druckereibesitzer und Geschäftsführer Heiner Gann ist nicht nur Mitglied der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft, er hat den Meister noch persönlich gekannt.

          Und er gestattet sich seit fünf Jahren als Hobby einen eigenen Verlag, den Korrektur Verlag, der sich hauptsächlich der Pflege des Erbes Bernhards widmet. Für die Inhalte zeichnet Raimund Fellinger, langjähriger Bernhard-Lektor bei Suhrkamp, verantwortlich. Nun erreicht uns eine Aussendung der Akzidenzdruckerei: Man habe sich mit einem in der Nachbarstadt Mattighofen produzierenden, renommierten Hersteller von Sport- und Motorradschutzbrillen zusammengetan und biete ab sofort „individualisierte Gesichtsschilder“ an, das Stück ab 14,50 Euro. Man muss sich das so vorstellen wie das dicke Band einer Skibrille, das wie ein Stirnband getragen wird, vorne eine Polsterwulst, von der aus eine annähernd rechteckige, an den Kanten gerundete Plexiglas-, pardon: Anti-Fog-Sichtschutzmaske bis weit unter das Kinn das Gesicht abdeckt

          Ob Thomas Bernhard wohl das neue Produkt seines Verlegers tragen würde?
          Ob Thomas Bernhard wohl das neue Produkt seines Verlegers tragen würde? : Bild: Picture-Alliance

          Nicht gerade radikaler Chic, aber als transparentes Visier weniger irritierend als eine Atemschutzmaske. Auf Band und Stirnhalter kann man Logos drucken lassen, etwa „Polizei“, wenn man von der Polizei ist, den eigenen Namen, den Firmennamen. Das birgt auch Chancen für den Kulturbereich, für Sänger, Schauspieler, Schriftsteller und andere Brillenträger. Auch wenn Bernhard in seinem Stück „Der Theatermacher“ den Staatsschauspieler Bruscon sagen lässt: „In Mattighofen zergrunzten die Schweine alles, das Schweinegrunzen ruinierte das ganze Stück“ – für diese handfeste Ad-hoc-Geschäftstüchtigkeit hätte er Verständnis gehabt. Unvergessen seine Meisterschaft, seinen Verleger Siegfried Unseld in Geldangelegenheiten in den Wahnsinn zu treiben; unvergessen aber auch seine 1972 im Tagebuch von Karl Ignaz Hennetmair festgehaltene Ankündigung, im Fall seines Todes sei sein Hof anzuzünden – „das Prasseln der Flammen solle die Trauermusik zu seinem Begräbnis sein“. Der Aufforderung wurde zum Glück nicht Folge geleistet, gewiss nicht nur aus Gründen der Geschäftstüchtigkeit.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Symbol Klobürste

          Proteste in Russland : Symbol Klobürste

          Keine Angst mehr? Nach Nawalnyjs Heimkehr und seiner Verhaftung ist Russlands politischer Protest neu erwacht. Auch das Beispiel Belarus findet ein Echo. Das Regime wehrt sich, indem es Provokateure und Fake News organisiert und friedliche Demonstranten vor Gericht bringt.

          Topmeldungen

          Christliche Nationalisten : Biden und die Armee Gottes

          Joe Biden macht den christlichen Anhängern Donald Trumps ein Angebot. Doch ein großer Teil von ihnen sind Nationalisten, die das Land für die weißen Christen zurückholen wollen. Biden sehen sie da nur als Feind.
          Ein Wartezimmerschild in einer Zahnarztpraxis

          Corona-Maßnahmen begründen : Wir Verdrängungskünstler

          Wie lassen sich die weit streuenden Corona-Maßnahmen begründen? Um diese Frage zu beantworten, muss unsere Gesellschaft vor allem aufhören, sie zu verdrängen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.