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Der 9. November : Das Märchen vom Schicksalstag

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Die NS-Choreographie der Inszenierung des 9. Novembers als Schicksalstag der Deutschen war ähnlich wirkungsmächtig wie die der Filme Leni Riefenstahls. Und wir sitzen bis heute in weiten Strecken der nationalsozialistischen Choreographie des 9. Novembers auf.

Narrative voller Mythen

Keine Frage: Die Ziele der 9. November-Sinnstifter der neunziger Jahre sind ehrenwert, die der Sinnstifter der Nationalsozialisten finster. Dennoch handelt es sich in beiden Fällen um Instrumentalisierungen des 9. Novembers als Schicksalstag der Deutschen. Und beide Narrative sind voller Mythen.
2009 rief die Kultusministerkonferenz dazu auf, in ganz Deutschland jedes Jahr zum 9. November einen Projekttag an Schulen durchzuführen. Ziel für Schüler sei es, durch den 9. November als Schicksalstag der Deutschen „Demokratie zu lernen und zu leben.“

Am 9. November gelte es für Deutschlands Jugend, über die Entstehung des modernen, demokratischen Deutschlands und die Überwindung von Restauration und Diktaturen nachzudenken.
Aber häufig ist unklar, nach welchen Kriterien bestimmte 9. November Bestandteil des Schicksalstagsnarrativs wurden. Wieso fand beispielsweise Georg Elsers Attentatsversuch auf Hitler während der 1939er Gedenkfeier zum 9. November 1923 keine Erwähnung in den beiden Buchveröffentlichungen der neunziger Jahre zum 9. November? Wieso taucht er nicht auf der Website zu Schulprojekttagen zum 9. November auf?

Weil hier unwissentlich und unbeabsichtigt der Naziinszenierung gefolgt wird? Weil Sorge besteht, eine falsche Akzentuierung bei der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte zu setzen? Würde das fehlgeschlagene Attentat nicht erlauben, darüber nachzudenken, wie viel oder wie wenig es beim weiteren Abgleiten in den Abgrund auf Hitler ankam?

Und der 9. Oktober?

Auch lässt sich fragen, wieso der 9. November 1799, der Tag Napoleons Staatsstreiches, nicht im Schicksalstagnarrativ auftaucht. Dass es sich hier um ein Datum der französischen Geschichte handele, zählt nicht, denn das 9. November narrativ fußt auf einer idealisierten Sicht auf die amerikanische und die französische Revolutionen von 1776 und 1789.

Den 9. Oktober könnte man also genauso erfolgreich als entscheidenden Tag deutscher Geschichte interpretieren und dabei den Blick auf die ostdeutsche Erfahrung stärken, was vor einigen Wochen in Leipzig passierte. Am 9. Oktober fand ein Leipziger Lichtfest statt, auf dem 200000 Menschen den friedlichen Ablauf der Demonstration im Herbst 1989 in Leipzig würdigten.Wie Joachim Gauck jüngst erklärte, ist der 9. November zwar „die große Bildikone“, der 9. Oktober sei aber viel bedeutender.
Eine andere alternative Geschichte über die 9. November in der deutschen Geschichte verkleinert nicht das Ausmaß deutscher Verbrechen, hat aber den Vorteil, im Einklang mit Forschungsergebnissen zu stehen.

Vor allem folgt sie nicht der Naziinszenierung, die das „Novemberverbrechen“ im Jahr 1918 und die nationalsozialistischen „Antworten“ darauf hervorhob. Im Jahr 2014 treffen so viele Jahrestage zusammen, dass man Geschichtsmüdigkeit befürchten könnte. Aber Jahrestage dienen nicht nur dem historischen Gedächtnis, sondern können auch Menschen und Massen mobilisieren. Daten üben eine symbolische Macht aus, die eine Gesellschaft positiv und negativ beeinflussen können.

Doch das moralische Erkenntnisinteresse darf nicht eine differenzierte Evaluierung der Vergangenheit verdecken und sie darf keine politisch genehmen Geschichten erzählen. Denn sowohl bei der Nazi-Inszenierung des 9. November wie auch dem Narrativ der neunziger Jahre wächst, frei nach Willy Brandt, zusammen, was nicht zusammen gehört.

Die Autoren

Heidi Tworek ist Lecturer and Assistant Director of Undergraduate Studies im History Department der Harvard University; Thomas Weber ist Professor of History and International Affairs an der University of Aberdeen und Gastwissenschaftler an der Harvard University.

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