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Tankstelle Villoresi Ovest : Espressopause fürs Wirtschaftswunder

Abgerissene Ikone: Der Autogrill in einer Aufnahme von 1960 Bild: Mauritius / Alamy / Archivio GBB

Aus alt mach falsch: Italiens berühmteste Autobahnraststätte Villoresi Ovest wird rekonstruiert. In der Fachwelt ist die Empörung über den Abriss groß.

          4 Min.

          Kühn und futuristisch, wie sie in der flachen Landschaft auftaucht, springt die abstrakte Skulptur von fern ins Auge. Dem motorisierten Betrachter, der mit hundertzwanzig, hundertvierzig Sachen heranbraust, bleiben dennoch nur ein paar Sekunden, um zu entscheiden, ob es in Villoresi Ovest rechts rausgeht. Mit einem Raumschiff wurde der Pavillon unter dem Dreifuß gerne verglichen, gelandet ist es nahe der Ausfahrt Lainate auf der A 8, die von Mailand nach Varese an die Seen führt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die „Autostrada dei Laghi“, 1924 eröffnet und schon damals mautpflichtig, war die erste Autobahn in Europa, und sie ist die erste in Italien, die eine fünfte Spur bekommt. Über den drei hohen weißen Stahlbögen, die, elegant geschwungen und selbsttragend, oben in einem Kreis zusammenlaufen, prangt das Logo, ein rotgerändertes weißes „A“, von Autogrill.

          Der Pavillon unter den Kuppelstreben besteht aus einem einzigen hohen Raum, in dem sich Verkaufsregale, eine Bar und ein Restaurant befinden, und ist, seit er 1958 eröffnet wurde, die berühmteste Autobahnraststätte Italiens. Zwei Jahre später hebt das Magazin „Life“ sie aufs Cover und erklärt sie zur Visitenkarte des Wirtschaftswunders, mit dem der Wiederaufbau bewältigt wurde und sich das Belpaese, zumal im prosperierenden Städtedreieck Mailand–Turin–Genua, vom Agrarland in einen Industriestaat verwandelte: „Italian Luxury for Export and Those at Home, Too“ ist die Titelgeschichte überschrieben. In dem verglasten Bau, der das Gefühl von Leichtigkeit, Vorläufigkeit und Schnelligkeit vermittelt, spiegelt sich der Zeitgeist: Auch die gelangweilte Mailänder Millionärsgattin (Sophia Loren), die in der zweiten Episode von Vittorio De Sicas Film „Gestern, heute, morgen“ mit ihrem Schriftsteller-Geliebten (Marcello Mastroianni) eine Spritztour unternimmt, fährt in Villoresi Ovest vor.

          Erlebte Geschwindigkeit

          Kurz nach dem Krieg und einer Amerika-Reise hat der in Novara ansässige Süßwarenfabrikant Mario Pavesi erkannt, dass seine Landsleute, wenn sie unterwegs eine Pause einlegen, nicht nur den Tank füllen und die Blase leeren wollen, und einen neuen Markt aufgetan: In der Nähe seines Unternehmens, auf halber Strecke der vielbefahrenen Autobahn Mailand–Turin, eröffnet er 1950 die erste Raststätte. Der junge Architekt, den er dafür aussucht, ist wie er vom American way of life fasziniert: Angelo Bianchetti (1911 bis 1995).

          Nach dem Examen 1934 am Politecnico seiner Heimatstadt arbeitete der Mailänder in den Büros von Ludwig Mies van der Rohe und der Brüder Luckhardt in Berlin; er stand im Austausch mit Walter Gropius und Marcel Breuer, ein Foto zeigt ihn mit Le Corbusier auf der Weltausstellung 1937 in Paris. Innovativ und experimentierfreudig hat er sich vor dem Krieg dem Rationalismus verschrieben und sich, in Partnerschaft mit Cesare Pea, auf Ausstellungs- und Messebauten spezialisiert. Auf die Premiere in Novara folgt bis 1974 ein Netz von mehr als siebzig Autobahnraststätten, auch das erste Brückenrestaurant 1959 bei Fiorenzuola d’Arda, das wie ein Frachtschiff über der A 1 zwischen Mailand und Bologna hängt und deren Geschwindigkeit erleben lässt, hat Bianchetti entworfen. Villoresi Ovest ist sein Meisterstück.

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