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Blutiges Handwerk: Der Anatom Andreas Vesal in einem Bildnis von Pierre Poncet Bild: F.A.Z.

Medicus-Ausstellung in Speyer : Voodoo-Momente der Medizin

Eine Ausstellung in Speyer spürt mit dem „Medicus“-Roman der Heilkunde nach. Dabei nimmt sie den Besucher mit auf eine spannende und vor allem emotionale Reise durch fast 5000 Jahre Medizingeschichte.

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          Was anderes als Fiktion sollte das sein: Gesundheit? Dass wir uns das heute noch fragen können, dass wir mit Karl Kraus nach wie vor feststellen dürfen, dass niemand sicher sein kann, wirklich gesund zu sein, und die häufigste Krankheit die Diagnose ist, mit einer solchen Gelassenheit ist man bestens gerüstet, um eine kulturhistorische Ausstellung über die Medizin auf Basis eines Historienromans von der Popularität des „Medicus“ in Angriff zu nehmen. Dann wird es zum Vergnügen, in diesen Tagen das Historische Museum der Pfalz in Speyer zu besuchen und zu erleben, wie Literatur und Film zum Angelpunkt für eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Medizingeschichte geworden sind.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Vor dreiunddreißig Jahren hat der an der amerikanischen Ostküste lebende Schriftsteller Noah Gordon seinen in Deutschland inzwischen millionenfach verkauften „Medicus“ veröffentlicht. Gordon hatte zwar eine Autopsie und Operationen in Boston erlebt, war aber medizinischer Laie. Seine inzwischen verfilmte Geschichte des jungen Engländers Rob Cole, der im elften Jahrhundert auszog, um in Persien zu lernen, wie man Kranke heilt, und Wissen über den Menschen zu erlangen, enthält so viele historische Ungereimtheiten, dass es in der Vergangenheit für Medizinhistoriker kaum eine größere Genugtuung gab, als die Heldentaten des Medicus akademisch zu sezieren. Wolfgang Leitmeyer, der die Speyerer Ausstellung wissenschaftlich kuratierte, hat einen anderen Zugang gefunden. Er setzt sich auf die „emotionale Spur“ Gordons, wie er sagt. Er wiederbelebt gewissermaßen akademisches Wissen sowie den existentiellen Kampf ums Leben in einem atemberaubenden Parforceritt von der Antike bis fast in die Gegenwart: über eine Zeitspanne von annähernd fünftausend Jahren.

          Anthroposophie, Homöopathie, Phytomedizin, Vitalismus

          Das Mittelalter ist nur ein kleiner und in medizintechnischer Hinsicht erstaunlich magerer Ausschnitt. Denn aus dem Mittelalter sind nur wenige Original-Instrumente der Heilkundigen überliefert. Trotzdem taucht der Besucher zuerst in die Welt der Bader und Quacksalber ein. Man sieht den originalgetreu nachgebauten „Baderwagen“, in dem Rob Cole im Film durch die Welt zieht, auf Jahrmärkten und Dorfplätzen selbstgemachte Heilmittelchen kredenzt, grobe chirurgische Eingriffe vornimmt und ein Gebräu namens „Universalspezifikum“ unters Volk bringt. Man erschrickt vor den ersten chirurgischen Instrumenten, den martialisch anmutenden Zahnbrechern, Nadeln und Schabern. Bereits hier wird eines sehr deutlich: wie lange es in der Heilkunde eben auch um Handwerk ging und um Glaube, Magie und Beschwörung, nicht so sehr um das, was im zweiten Teil des Ausstellungstitels auch anklingt: um die Macht des Wissens. Um das selige Sterben ging es lange Zeit, nicht um das unbedingte Heilen. Auch darin unterscheidet sich die quasireligiöse Auffassung der vorneuzeitlichen Medizin von der längst zum Fetisch gewordenen Gesundheitsreligion unserer Tage.

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