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Kunst und Politik in Berlin : Warum die Kunststadt Berlin implodiert

Alles umsonst? Hängearbeiten auf einem Messestand auf der Art Berlin im September 2019 Bild: dpa

Das Ende der Kunstmesse Art Berlin ist ein weiterer Stoß für den dümpelnden Standort – und ein neuer Beleg für das Versagen der Berliner Kulturpolitik.

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          Bis zu dieser Woche war es Berlin gelungen, das Bild einer Kunsthauptstadt zu halten. Auch wenn die Galerien ihre Umsätze woanders machen. Auch wenn man immer länger nachdenken muss, wenn Gäste fragen, welche Ausstellungen man gerade sehen sollte, weil die staatlichen Museen unter den Geldabsaugeglocken Humboldtforum und Museum der Moderne nicht mehr in der Lage sind, sich eine Ausstellung auszudenken, die über die Stadt hinausstrahlte (nehmen wir Jack Whitten im Sommer im Hamburger Bahnhof aus).

          Und so die Last der Erfindung und Überraschung auf vom Land geförderten Räumen wie den Kunst-Werken oder dem Neuen Berliner Kunstverein liegt, und auf privaten Initiativen wie den Galerien, dem Schinkel-Pavillon oder der Julia Stoschek Collection. Der in diesem Jahr fünfzig gewordenen Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) hat die Stadt ihre Unterstützung abgesagt. Am Ende kann man immer noch auf die vielen Künstler verweisen, die in Berlin leben und arbeiten. „Die Künstler“ sind Teil der Spekulationsmasse, mit der Politiker handeln, nur leider so, als wachse dieser Rohstoff von selbst.

          Die Investoren wurden verprellt

          Jetzt hat Berlin auch keine internationale Kunstmesse mehr. Anfang Oktober bat die Kölner Messegesellschaft, die 2017 die dümpelnde Art Berlin übernommen hatte, bei der landeseigenen Tempelhof GmbH um drei Jahre Planungssicherheit für die westlichen Flughafenhangars. Nächstes Jahr, so die Antwort, solle man wegen Bauarbeiten ans andere Ende ausweichen, hinter die Satellitenmesse Positions. Und von 2021 an sei alles unklar. „Take it or leave it“, hieß es, als wären die Kölner Bittsteller und nicht Investoren in einen Standort, der aus eigener Kraft keinen Kunstmarkt schafft, außer als potemkinsches Dorf. Verständlich, dass sie sich am Mittwoch zurückzogen.

          „Take it or leave it“: In diesem Satz zeigt sich die gesammelte Ignoranz der Berliner Politik, die nicht versteht, wie Kultur-, Stadtentwicklungs- und Wirtschaftspolitik einander bedingen. Österreich hat auch keine nennenswerte Sammlerkultur. Trotzdem eröffnen in Wien so viele Räume wie in Berlin seit zehn Jahren nicht mehr, weil Stadt und Staat wissen, wie effektiv Investitionen in kulturelle Vielfalt bei sich selbst ausbeutenden Produzenten des Außergewöhnlichen angelegt sind, und deshalb Messeauftritte und Gemeinschaftsprojekte fördern.

          Anders als in Berlin, wo der Kultursenat jährlich drei Dutzend Projekträume fördert, der Wirtschaftssenat aber keine einzige Galerie, was zu dem seltsamen Umstand führt, dass es profitabler ist, sich zum unkommerziellen Projektraum zu erklären – zumal die völlig unerklärliche Abschaffung der verminderten Mehrwertsteuer auf Kunstverkäufe seit fünf Jahren den deutschen Kunstmarkt insgesamt schwächt. 84 Prozent der Berliner Galeristen würden laut einer jüngsten Umfrage ihres Landesverbandes heute keine Galerie mehr eröffnen, und tatsächlich macht das auch fast niemand mehr, wodurch die Berliner Ausstellungslandschaft schon jetzt spürbar ärmer ist als vor zehn Jahren.

          Vor allem aber gibt es in Wien etwas zu verteilen: die Ankaufsetats der Museen. Hier schließt sich der Kreis zu den schlafenden Berliner Institutionen: Kämen sie endlich in die Lage, die Vielfalt der Stadt durch Ankäufe abzubilden, könnten sie mit sicherstellen, dass in Berlin künftig die kulturelle Erneuerung möglich ist, die aktuell massiv bedroht ist.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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