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Die Linke in der Krise : Däumchen drücken

Wenig optimistisch: der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor Bild: dpa

Auf dem Rückmarsch in vordemokratische Verhältnisse? Der kanadische Philosoph Charles Taylor skizziert während der Fritz-Stern-Vorlesung drei gefährlich „leichte Wege der Regression“.

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          Verdüsterung hat Besitz ergriffen von den Gemütern der Denker im Haupt- und Nebenberuf, die sich im weitesten Sinne als links verstehen, was einmal fortschrittlich hieß. In dem intellektuellen Milieu, das sich an den berühmtesten Professoren der exklusivsten Universitäten der Welt orientiert, aber die Effekte globaler Homogenisierung auf anderen Märkten routinemäßig beklagt, müssen die Namen der unheilkündenden Kometen am Firmament der westlichen Zivilisation gar nicht mehr ausgesprochen werden: Trump, Brexit, AfD. Jeder ist dagegen und nimmt das auch vom Sitznachbarn an. So war es auch in der Villa der American Academy am Berliner Wannsee, als der Philosoph Charles Taylor aus Montreal die Fritz-Stern-Vorlesung hielt. (Der AfD-Politiker Nicolaus Fest und Roger Köppel, Verleger der „Weltwoche“, waren in der Teilnehmerliste als angemeldet aufgeführt, wagten sich aber nicht aus der Deckung.)

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Schon die Einladung kündete vom Ernst der Lageeinschätzung. „Demokratische Degeneration“ lautete Taylors Thema: Der sechsundachtzigjährige Emeritus der McGill-Universität wollte von der Sterblichkeit der demokratischen Verfassungen sprechen, von deren Urvätern einige geglaubt hatten, die Quelle der ewigen Jugend entdeckt zu haben. Drei gefährlich „leichte Wege der Regression“, des Rückmarschs in vordemokratische Verhältnisse, sollte der Vortrag exponieren. Der systematische Zugriff versprach begrifflichen Ehrgeiz. Taylor, der in Oxford bei Isaiah Berlin und Elizabeth Anscombe studierte, machte seine Weltkarriere im freundschaftlichen Disput mit Jürgen Habermas als Hegelforscher. Aber was er dann in freier Rede vortrug, war ein Dokument der Ratlosigkeit.

          Die Mehrheit bestimmt, wie die Minderheit leben soll

          Das einflussreichste Buch des 2016 verstorbenen Historikers Fritz Stern ist die New Yorker Doktorarbeit über antidemokratische deutsche Bestsellerautoren, die in deutscher Übersetzung mit einem didaktisch griffigen Titel erschien: „Kulturpessimismus als politische Gefahr“. Taylors Vortragsankündigung verwendete mit der „Degeneration“ ein besonders übel beleumundetes Schlagwort des Kulturpessimismus. Nun war Stern, der die Wahl Trumps nicht mehr erleben musste, in seinen letzten Jahren tief besorgt über den Gang der politischen Dinge in seinem Wahlheimatland. Aber Taylor empfand es wohl als Gebot der Höflichkeit, sich vorsorglich gegen den Vorwurf der „cultural despair“ zu wappnen: Er bekannte sich zu einem „Pessimismus des Geistes“ und einem „Optimismus des Willens“.

          Mit dem Schlimmsten zu rechnen, das bedeutet für Taylor im Politischen: gefasst zu sein auf spiralförmige Bewegungen einer Unzufriedenheit, die sich selbst verstärkt. Die Leute haben das Gefühl, dass Eliten sie bevormunden. Daher zeigen sie sich geneigt, das Staatsvolk als Gemeinschaft der Alteingesessenen zu definieren. Und daher erscheint es ihnen natürlich, dass die Mehrheit der Minderheit vorschreibt, wie sie leben soll. Anti-Elitismus, Nativismus, Mehrheitsabsolutismus: Taylors drei Varianten der populistischen Regression.

          Taylor begann den Vortrag mit Aristoteles und sprach an, dass er vom Staat wie ein Arzt redete: Er diagnostizierte Anfälligkeiten der Demokratie. Sein Konzept läuft darauf hinaus, einen Grundgedanken der antiken politischen Philosophie zu rehabilitieren: Jede Verfassungsform trägt den Keim ihres Verfalls in sich. Wie die Alten einen Kreislauf der Verfassungen beschrieben, so konnte man Taylors Vortrag den Rat durch Daumendrücken zu überbrückenden Abwartens entnehmen: Sein Willensoptimismus setzt auf Spiralen, die sich in der Gegenrichtung drehen, auf Autosuggestionseffekte nach dem Muster des Wortzaubers von „Yes, we can“.

          Frust nährt sich von Frust, Hass von Hass

          In Quebec war Taylor an Verfassungsreformplänen beteiligt, die lokale Erfahrungen sprachlicher und religiöser Pluralität multikulturell universalisieren sollten. Vom Enthusiasmus dieses Projekts ist nicht viel geblieben. Taylor empfahl den Linken, wieder klein anzufangen, mit dem Knüpfen sozialer Netze im Kiez, das Hillary Clinton und Barack Obama von Saul Alinsky lernten.

          Dass sich Frust vom Frust nährt und Hass vom Hass, liegt auf der Hand. Aber Taylors Theorie der Eigendynamik der populistischen Mobilisierung lenkt davon ab, dass der Protest auch äußere Ursachen hat – und möglicherweise sogar Gründe. So ist die Aggressivität der aktuellen Sexismusdebatte nicht einfach damit zu erklären, dass Männer sich in Verlustängste hineinsteigern. Der Machtverlust, der ihnen droht, ist echt.

          Moderne Klassiker linken Denkens wie Jeremy Bentham unterzogen die aus der antiken Sklavenhaltergesellschaft überkommenen Bilder vom Staatskörper und vom Wachstum und Absterben der Verfassungen einer radikalen Kritik: Politik ist nichts Natürliches, Politik muss man machen. Auch neuere pathologische Metaphern wie „Regression“ sollten Demokraten skeptisch stimmen. Die Denkfigur der „self-fulfilling prophecy“ kann selbst zur Prophetie werden, die sich selbst erfüllt.

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