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Wahlverhalten im Norden : Sturmfest und erdverwachsen

  • -Aktualisiert am

Die AfD hat in Hamburg nur knapp den Einzug geschafft. Liegt das an der norddeutschen Mentalität? Bild: dpa

Im Norden gehen die Uhren anders. Wer wissen will, warum die AfD es nur knapp in die hamburgische Bürgerschaft geschafft hat, kommt um eine kleine mentalitätsgeschichtliche Tiefenbohrung kaum herum.

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          Die AfD hat es in Hamburg knapp geschafft, mehr aber auch nicht. Anders als in ostdeutschen Landtagen ist sie in der hanseatischen Bürgerschaft nur dabei und nicht mittendrin, ein ganzes Stück jedenfalls entfernt davon, mit Hinterlist und Tücke ein ganzes Bundesland nahezu unregierbar machen und obendrein die komplette CDU dermaßen durcheinanderbringen zu können, dass diese, wer weiß, am Ende sogar noch kampf- und regierungsunfähig ist.

          Die Zuteilung unter ferner liefen ist kein Grund zur Euphorie, aber immerhin erfreulich und unter einer Gesetzmäßigkeit zu verbuchen, der zufolge man im deutschen Norden und Nordwesten einfach keine Veranlassung sieht, seine sprichwörtliche Sprödigkeit ausgerechnet gegenüber der Alternative für Deutschland abzulegen – zu mehr als fünf oder sechs Prozent reicht es in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen, in Hamburg und in Bremen meistens nicht.

          Im Norden, könnte man also im Hinblick auf die Wählbarkeit einer rechtsextremistischen Partei sagen, gehen die Uhren anders. Wer wissen will, warum das so ist, kommt um eine kleine mentalitätsgeschichtliche Tiefenbohrung kaum herum. Sie muss ja nicht gerade bis zu Herzog Widukind reichen: „Wir sind die Niedersachsen / Sturmfest und erdverwachsen / Heil Herzog Widukinds Stamm!“ Das Niedersachsenlied wird zwar noch gesungen, aber sonderlich stubenrein klingt es nicht.

          Vernunft, Maß und Nüchternheit

          Lassen wir das lieber und richten unseren Blick scharf ins Hochgebirge, von wo aus man vielleicht einen klareren, von Selbstzufriedenheit uneingetrübten Blick auf norddeutsches Denken und Fühlen hat. Es war in Davos, auf dem Zauberberg, auf den es einen jungen Hanseaten verschlagen hatte, der dort in Kontakt kam mit republikanischer, unbedingt fortschrittsgläubiger, humanistischer Vernunft und es zuletzt auch mit dieser hielt. Sie begegnete ihm in Gestalt Lodovico Settembrinis, der ihm, Hans Castorp, auf den Kopf zusagt: „Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phlegmatisch bei Ihnen zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch!“ Man hätte es nicht treffender formulieren können als der Italiener, der hier zwei Eigenschaften miteinander verknüpft, die man selten so nahe beieinander sieht.

          Wenn es aber trotzdem so hochgradig richtig ist, was er da sagt, dann wohl auch deswegen, weil das Energische als die Entschlossenheit zu vernünftiger, bürgerlicher Lebensführung durch das Phlegma nicht etwa wieder aufgehoben, sondern dergestalt temperiert wird, dass der energische Phlegmatiker zwar für alles Höhere vergleichsweise unempfänglich ist – weswegen die Kultur bei ihm auch in weniger prächtiger Blüte steht als im Süden –, aber eben genauso für alles Niedere, auch Niederträchtige. Vernunft, Maß und Nüchternheit, mithin flachländische Ehrbar- und Zuverlässigkeit mögen auf die Dauer wenig aufregend sein. Aber in tollen, um nicht zu sagen: regelrecht tollwütigen Zeiten wie diesen ist damit doch ganz gut Staat zu machen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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