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Brasilianische Medien : Alarmstufe Rot für die Demokratie

  • -Aktualisiert am

Die Colonels üben Einfluss auf die Meinungsbildung aus

Die ROG-Studie zur Eigentümerstruktur der Medien in Brasilien ist das Ergebnis viermonatiger Recherchen. Untersucht wurden mehr als vier Dutzend Medien in den Sparten Fernsehen, Radio, Presse und Internet. Die Studie kommt zu dem Befund, dass seit Generationen einflussreiche Unternehmerdynastien sowie Großgrundbesitzerfamilien ihre Macht auf die Medienlandschaft ausgeweitet haben. Die technische Diversifizierung der Medienlandschaft, namentlich durch das Internet, hat gerade nicht zu einer wirtschaftlichen und politischen Diversifizierung geführt. „Damit kontrollieren die sogenannten Colonels nicht nur weite Teile von Wirtschaft und Politik, sondern üben auch maßgeblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung aus“, heißt es in dem Bericht: „Weder der Aufstieg des Internets und anderer digitaler Technologien noch sporadische Versuche einer staatlichen Regulierung konnten die so entstandenen Medien-Oligopole bislang ernsthaft gefährden.“ Medienbesitzer betreiben Stiftungen oder Unternehmen im Bildungssektor und beim Sport, sind in der Finanz-, der Agrar- und der Immobilienwirtschaft, im Energie-, Transport- und Logistiksektor oder schließlich in der Stahlindustrie tätig. ROG ruft für Brasilien deshalb „Alarmstufe Rot“ aus, weil die Gefahren für den Medienpluralismus als außerordentlich hoch eingeschätzt werden.

Zu den Besonderheiten Brasiliens, einem Land von kontinentalen Ausmaßen, gehört die Konzentration von Medieneigentümern im Großraum São Paulo. Von den fünfzig wichtigsten Medien Brasiliens und den 26 dahinterstehenden Unternehmensgruppen haben drei Viertel ihren Sitz in der südbrasilianischen Wirtschaftsmetropole. Nach wie vor ist das Fernsehen das Leitmedium für die Mehrheit der Brasilianer. Die vier großen Senderketten Globo, SBT, Rede Record und Band haben einen Marktanteil von mehr als siebzig Prozent. Krösus mit einem Anteil von 37 Prozent ist TV Globo mit seinen thematisch und regional diversifizierten Senderfamilien. Jeweils knapp fünfzehn Prozent Marktanteil entfallen auf SBT und Record. Eine vergleichbare Reichweitenkonzentration gibt es auch bei Print- und Online-Medien, wo die größten vier Mediengruppen jeweils mehr als fünfzig Prozent des Publikums auf sich vereinen.

Die Mächte sind eng verpflochten

Eigentümer von Globo ist die milliardenschwere Unternehmerfamilie Marinho. Seit dem Tod des Patriarchen Roberto Marinho, der 2003 im Alter von 98 Jahren starb, führen dessen Söhne Roberto Ireneu, José Roberto und João Roberto das Medienimperium, zu dem neben Radiosendern und Internetportalen auch Zeitungen und Zeitschriften gehören.

Der Aufstieg des heute 72 Jahre alten Bischofs Edir Macedo von der evangelikalen „Universalkirche des Königreich Gottes“ (Igreja Universal do Reino de Deus, abgekürzt IURD) zeigt beispielhaft, wie eng in Brasilien Medienpräsenz, wirtschaftliche Macht und politischer Einfluss verflochten sind. Neben der aggressiv expandierenden IURD kontrollieren Macedo und dessen Familie auch die Mediengruppe Record, zu der mehrere Fernsehsender, eine Zeitung und ein Internetportal gehören.

Macedo hat es seit je virtuos verstanden, die Grenzen zwischen dem (aus Spenden der Gläubigen gespeisten) Reichtum der IURD, seinem beträchtlichen Privatvermögen und seinen Anteilen am Unternehmenskonglomerat Grupo Record zu verwischen. Zudem dominiert Macedo die konservative Republikanische Partei Brasiliens (PRB), die einen Minister der Bundesregierung, einen Senator und 24 Parlamentsabgeordnete in der Hauptstadt Brasília stellt, dazu 37 Abgeordnete auf Bundesstaatsebene, 106 Bürgermeister und 1619 Mitglieder von Stadt- und Gemeinderäten.

In vielen brasilianischen Bundesstaaten, zumal im unterentwickelten Nordosten, gibt es lokale Colonel-Dynastien, die sich neben der wirtschaftlichen und politischen Macht auch die Kontrolle über die Medienlandschaft sichern. Zu Zeiten grassierender Verdrossenheit durch die Demokratie und wachsender Versuchung durch den Populismus kann diese Konzentration von Geld, Macht und Einfluss zu einer explosiven Mischung für den pluralistischen Rechtsstaat werden.

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