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Bilanz der Weltklimakonferenz : Die Lobbyisten haben wieder gewonnen

Protest mit Reparationsforderung in Sharm El-Scheich Bild: AP

Der Klimagipfel in der Wüste ist nicht an seinen eigenen Zielen gescheitert. Sondern an denen, die den Maklern ihren schmutzigen Sand in die Augen streuen. Das kann bitter enden.

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          Am Ende fühlten sich alle wie Weltfriedensaktivisten, auch wenn kein Quäntchen Sicherheit und Frieden dazugewonnen wurde. Endlich ein „Durchbruch, Klimagerechtigkeit“ war das, was Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock zuerst einfiel nach dem verspäteten Ende des UN-Klimagipfels in Scharm el-Scheich.

          Vom „längst fälligen Signal, zerstörtes Vertrauen wiederaufzubauen“, sprach UN-Generalsekretär António Guterres. Willkommen in der Klima-Kolonialismus-Debatte des 21. Jahrhunderts.

          Der Boden für die Reparaturzahlungen für die Klimakatastrophe ist nun also bestellt; es gibt einen neuen, wie alle sagen, „historischen“ Klimafonds mit dem Label „Loss and Damage“ (Schadenersatz für den Süden). Nur wie und was und wer wie viel einzahlt in diesen Geldtopf für die ärmsten Klimakatastrophenopfer – die Antworten auf diese Fragen waren auf dem UN-Treffen so kärglich wie die Wüste hinter dem ägyptischen Badeort.

          Immerhin: Menschenrechte, könnte man sagen, auch die Qatarer haben unterschrieben. Die Wüste lebt, wenigstens etwas. Und noch ein Ergebnis ist unbestreitbar: Das Panik-Szenario der „Klimadiktatur“, vor dem der Konservative Jens Spahn ganz weit nördlich in einer Parallelveranstaltung der Jungen Union warnte, ist von einem Sandsturm der Öl- und Gaslobbyisten weggefegt worden. Seine Angst vor einer „Ideologie von Bullerbü“ hat in der Ostsahara keinen fruchtbaren Boden gefunden.

          Einige also können jubeln, dass das UN-Treffen trotz Blockaden „nicht ganz gescheitert“ (Baerbock) ist. Und es stimmt ja: Dieser sogenannte afrikanische Klimagipfel hat vielleicht wie kein anderer davor verdeutlicht, warum es nicht nur um Erderhitzung und Extremwetter geht auf diesen UN-Treffen, sondern auch um soziale Kipppunkte, historische Schuld und Klimaflüchtlinge. Nur sind das Probleme, die mit Minimallösungen für die seit Jahrzehnten lähmenden geopolitischen Antagonismen von Nord und Süd oder Ost und West offensichtlich nicht lösbar sind.

          Die Klimarechnung jedenfalls ist nach Scharm el-Scheich die gleiche wie vorher: Wenn die Menschheit den geophysikalischen Flächenbrand auf diesem Planeten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (rechnerisch nur 50 Prozent) stoppen und das 1,5-Grad-Ziel von Paris erreichen will, müssten die weltweiten Emissionen mit klimaschädlichen Treibhausgasen in den nächsten sieben bis acht Jahren halbiert werden. Das wäre gewissermaßen die ökologische Minimallösung.

          Tatsächlich ist das Fatale an dieser neuen Klimalogik, die einer Friedens- und Gerechtigkeitslogik folgt, dass sie den Klimaschutz offensichtlich für einen geopolitischen Selbstläufer hält. Die Interessen der einen müssen gegen die Interessen der enderen ausgeglichen werden, Schuld, Sühne und alte Werte stehen ganz oben. Das gemeinsame, nach vorne gerichtete Interesse der Menschheit hingegen, nämlich das radikale Abbremsen der Erdüberhitzung, rückt dabei immer weiter hinter den Horizont.

          Wo bleibt da der Klimapragmatismus? In der Tat: Noch bevor der Hammer in Scharm el-Scheich fiel, war das 1,5-Grad-Ziel für viele schon beinahe eine Fata Morgana. Und um ein Haar wäre es in dem ägyptischen Schlussdokument auch tatsächlich fast untergegangen. Damit allerdings hätten die, die dem Klimazirkus in der Wüste wieder mal ihren Stempel aufdrückten, die Lobbyisten, den letzten Funken Hoffnung genommen.

          Der Prozess hat gelitten; das war jedem klar, noch bevor die Armada an Privatjets aus Scharm el-Scheich wieder verschwunden war. Und er droht weiter zu erodieren. Weder wurde der Ausstieg aus der fossilen Ära festgeklopft, noch wurden substanziell ehrgeizigere Klimaziele zugesagt oder das Ende der billionenschweren klimaschädlichen Subventionen. Warum sollte sich etwas ändern, solange es den Lobbyisten wie in Ägypten gelingt, ihre Interessenpolitik durchzusetzen?

          Klimakonferenzen wie die in Ägypten, meint Baerbock, „gehören in die Hände der Vertragsstaaten“. Ge­meint war sicher: zurück in die Hände der rechtmäßigen Klimamakler. Es wäre fast ein Neustart, ein überfälliges Aufbäumen. Fraglich, ob das ausgerechnet in der Höhle des fossilen Löwen gelingt, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem der ölreichsten Staaten der Erde und dem Austragungsort des nächsten UN-Klimagipfels in einem Jahr.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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