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Picassoschauen in BRD und DDR : Wer zum Teufel ist Picasso?

  • -Aktualisiert am

Picasso mit einer saarländischen Delegation der FDJ Bild: Succession Picasso/VG Bild-Kunst

Das Kölner Museum Ludwig zeigt am in Ost und West geschätzten Modernemeister, wie sich Kunst im Gebrauch realisiert. Dabei steht vor allem deren sich je nach rezipierendem politischen System verändernde Wahrnehmung im Focus.

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          Picasso ist ein Blockbuster. Ihn auszustellen ist dennoch eine der größten Herausforderungen an ein Museum. Nicht nur wegen der immensen Versicherungskosten, sondern auch wegen der Frage, wie man einen derartigen Popstar der Kunst noch in neuem Licht zeigen könnte, wenn man denn einen solchen Anspruch hat. Julia Friedrich, noch Kuratorin am Kölner Museum Ludwig und zukünftige Sammlungsleiterin des Jüdischen Museums in Berlin, hat sich dieser Aufgabe gestellt.

          Zu sehen sind: zweimal Picasso und wenige Originalwerke. Die braucht es auch nicht, denn die Schau dreht sich nicht primär um künstlerische Qualitäten der Malerei. Vielmehr zeigt sie, wie ästhetische und politische Haltungen die Wahrnehmung ein und desselben Künstlers verändern, wenn dessen Werke in verschiedenen politischen Systemen rezipiert werden. Es geht um Picasso in der BRD und in der DDR der Nachkriegsjahre. Und es geht um die je unterschiedliche Verquickung von Ästhetik und Politik im musealen und im gesellschaftlichen Einsatz von Kunst.

          Der eine Picasso – der, den im Westen sozialisierte Betrachter gut kennen – ist das Inbild, wenn nicht das Abziehbild des modernen Künstlers: autonom, originell, von Schöpfungsdrang und Eros beflügelt. Der andere Picasso – der, für den sich die DDR interessiert hat – ist Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, besucht Kongresse der Friedensbewegung und stellt emblematische politische Bilder her, die er im demokratischen Medium der Grafik verbreitet. Wie es zu solch unterschiedlichen Perspektiven auf eine Figur kommt, erschließt die Schau durch intelligent angeordnete Konstellationen von Werken oder eben auch Reproduktionen, von Fotografien, Plakaten, Textzeugnissen und audiovisuellen Quellen.

          Wie politisch ist die Taube

          Programmatisch eröffnen unterschiedliche Darstellungen der berühmten „Friedenstaube“ den Parcours. Diese hatte der mit Picasso befreundete Dichter Louis Aragon, Funktionär der KPF, für das Plakat des Pariser Weltfriedenskongresses 1949 ausgewählt. Die Taube wanderte nicht nur ein Jahr später, ebenfalls als politisches Emblem, auf den Vorhang des Berliner Ensembles, sondern auch in zahlreichen Variationen durch das Werk von Picasso. Hier verliert sie die Eindeutigkeit der Botschaft. Denn die Taube war bis dahin Verkörperung der Heiligen Geistes, nicht gerade eine Inspiration der politischen Linken. Auf Picassos Bildern umspielen Tauben in unbekümmerter Zufriedenheit eine im Käfig eingesperrte Eule, die für Weisheit steht, kopulieren oder erscheinen in struppiger Gestalt als Tonfigur.

          Bilder sind als Zeichen zu lesen. Das zumindest ist Konsens in Ost und West. Aber wie sie zu lesen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Westliche Modernisten wie etwa Werner Haftmann sehen gerade in der Bedeutungsoffenheit der Zeichen deren Wert, denn so könnten sie sich gegen Vereinnahmung gegen Totalitarismus wehren. Vor dem Hintergrund von Haftmanns Biographie (der Kunsthistoriker hatte seine NS-Vergangenheit vertuscht) wird sein Plädoyer für die Wandelbarkeit von Bedeutungen zum Politikum. Nur Kunst, die ewigen, das heißt ästhetischen Werten verpflichtet war, hatte in seinen Augen Qualität. Politische Anliegen würden die Kunst anfällig für Propaganda und damit dienstbar machen. In der DDR hingegen galt die Lesbarkeit des Zeichens als Garant für die Gewinnung eines neuen Publikums, die Arbeiterklasse, deren Realität in der Kunst gespiegelt werden sollte.

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