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Opposition in Belarus : Hoffen auf die eigene Sprache

  • -Aktualisiert am

Swetlana Tichanowskaja bei einem Wahlkampfauftritt Bild: dpa

Immer mehr belarussischsprachige Intellektuelle unterstützen die Aktivistin Swetlana Tichanowskaja als Präsidentschaftskandidatin. Sie hoffen auf eine neue Sprachenpolitik in Belarus.

          3 Min.

          Das Online-Lexikon Wikipedia spiegelt im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen am 9. August die sprachliche Wirklichkeit der neun Millionen Einwohner zählenden Republik Belarus. Die doppelte Asymmetrie der zwei Amtssprachen Russisch und Belarussisch lässt sich hier im Detail studieren: Russisch ist unangefochtene Lingua franca. Fast neunzig Prozent aller Zugriffe aus Belarus rufen russischsprachige Einträge auf – die Enzyklopädie hat mit weltweit mehr als 200 Millionen Russischsprechern einen besonders großen Kreis an Autoren.

          Nur 1,25 Prozent der Aufrufe führen zu belarussischsprachigen Einträgen bei Wikipedia. Während selbst in Belarus nur wenige Einwohner im Alltag aktiv Belarussisch sprechen, hat die Sprache hier eine symbolische Bedeutung als kulturelle und politische Ressource für die Unabhängigkeit des Landes. Das Ringen um ihre Etablierung führte zur Koexistenz zweier verschiedener Wikipedia-Sprachversionen auf Belarussisch: einer in staatlicher und einer in historischer Rechtschreibung. Die Autoren der belarussischen Version von Wikipedia in der offiziellen Rechtschreibung aktualisieren den Eintrag über die Wahlen derzeit im Stundentakt.

          Detailliert führen sie die Ergebnisse unabhängiger Umfragen auf, nach denen der seit 1994 amtierende Präsident Lukaschenka im ersten Durchgang freier Wahlen 2020 zwischen drei und sieben Prozent der Stimmen erhalten würde. Jede Information enthält einen Verweis auf eine externe Quelle, so auch die Nachricht über politischen Druck auf den Belarussischen Journalistenverband, vor den Wahlen auf die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen zu verzichten.

          Mehr als ein Dutzend Journalisten waren in Haft

          Minutiös verzeichnet das Online-Lexikon die gezielte Verfolgung von Oppositionellen, allen voran des Bloggers Sergej Tichanowskij, nach dessen zweiter Verhaftung die Ehefrau Swetlana als Kandidatin angetreten ist. Die Online-Enzyklopädie benennt die Personen des öffentlichen Lebens, die im Juni ihre Arbeit bei staatlichen Stellen verloren, weil sie ihre Solidarität mit Tichanowskaja zum Ausdruck gebracht hatten. Mehr als ein Dutzend Journalisten waren zeitweilig in Haft.

          Die „Eva“ von Chaim Soutine als Parlamentsvorsitzende: Collage des Künstlers Sergej Schabochin
          Die „Eva“ von Chaim Soutine als Parlamentsvorsitzende: Collage des Künstlers Sergej Schabochin : Bild: Felix Ackermann

          Der Wikipedia-Eintrag erklärt selbst, warum just das 1928 verfertigte Gemälde „Eva“ des unweit von Minsk geborenen Expressionisten Chaim Soutine im Juni 2020 zum Sinnbild staatlicher Willkür wurde. Es befand sich in der Kunstsammlung der Belgasprombank, deren Direktor Viktor Babariko als aussichtsreichster Gegenkandidat galt. Am 18. Juni wurde er unter dem Vorwurf von Veruntreuung verhaftet. Im Anschluss beschlagnahmte die Minsker Staatsanwaltschaft alle Ausstellungsstücke der von Babariko betriebenen Galerie „Art-Belarus“. Umgehend kursierten im Internet Versionen des Gemäldes, die mal „Häftling Eva“, mal eine „Eva mit Stinkefinger“ zeigten.

          Als wäre die Koexistenz von Russisch und Belarussisch nicht genug, gibt es unter der Adresse be-tarask.wikipedia.org aber noch eine dritte Version, in der in Belarus im 21. Jahrhundert laufend Wissen gespeichert wird: Belarussisch in der bis 1933 geltenden Rechtschreibung, die auf die erste moderne Grammatik der Sprache zurückgeht, die 1918 von Branislau Taraschkiewitsch noch unter deutscher Besatzung im Ersten Weltkrieg veröffentlicht wurde.

          Aus Kundgebungen wurden Massenproteste

          Eine kleine Gruppe von Enthusiasten versuchte zum Beginn der nuller Jahre durch den schnellen Ausbau der belarussischen Enzyklopädie in der alten Rechtschreibung Fakten zu schaffen. Der Versuch, die staatliche Rechtschreibung aus dem Netz heraus zu revidieren, hatte einen politischen Kern: Die Puristen lehnten die sowjetische Reform von 1933 ab, weil damit die Norm der Sprache weiter nach Osten in Richtung Russland verschoben wurde.

          Anders als in der englischen Wikipedia, in der die Regel gilt, dass ein Artikel in dem Englisch gepflegt wird, in dem er angelegt wurde, konnten sich die Autoren der beiden belarussischen Sprachversionen nicht einigen und existieren seither parallel – zum Nachteil für Reichweite und Qualität vieler Einträge. Je mehr Menschen auch in Belarus das Internet nutzen und je mehr staatliche Stellen auf die Enzyklopädie zugreifen, desto größer wurde die Wikipedia-Version in der offiziellen Rechtschreibung.

          Ähnlich wie die Aktivisten der belarussischen Wikipedia hatten bei vorangegangenen Präsidentschaftswahlen die meisten oppositionellen Kandidaten trotz der Repressionen von Seiten des Staatsapparats stets auf ihrer jeweiligen Version von Belarus beharrt, statt ihre Kräfte zu vereinigen. Umso größer ist jetzt die Euphorie im Lager der Opposition, nachdem sich Vertreterinnen der drei nicht zugelassenen Kandidaten in einem Komitee zusammenschlossen, das gemeinsam die Kandidatur von Swetlana Tichanowskaja betreibt.

          Belarussischsprachige Intellektuelle unterstützen sie

          Aus ihren Wahlkundgebungen wurden Massenproteste der Bürger gegen die schlechte wirtschaftliche Lage und die Leugnung der Corona-Pandemie durch den amtierenden Präsidenten. Der Erfolg von Tichanowskaja liegt auch darin, dass sie ganz selbstverständlich die Sprache der Mehrheit spricht: Russisch. Zugleich bindet sie Belarussisch in Form von Liedern oder kurzen Ansprachen mit in ihre Kampagne ein.

          Immer mehr belarussischsprachige Intellektuelle unterstützen Tichanowskaja, weil mit der Hoffnung auf Veränderung, die sie geweckt hat, auch die Hoffnung auf eine andere Sprachenpolitik einhergeht, die Belarussisch im Alltag einen größeren Resonanzraum verschafft. Andere bleiben skeptisch. Der Vorstand der Gesellschaft für die Belarussische Sprache empfahl, nur für einen Kandidaten zu stimmen, der aktiv für Belarussisch einsteht.

          Egal was nach dem 9. August geschieht – Belarus wird auch nach den Wahlen ein mehrsprachiges Land bleiben, in dem die beiden Amtssprachen asymmetrisch koexistieren. Wikipedia wird für die meisten Nutzer weiterhin als alltägliche Übersetzungsmaschine funktionieren, um die richtige Schreibweise der weniger verwendeten Sprache schnell aufzufinden, aber auch, um die unterschiedlichen Kontexte der Einträge zu erschließen.

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