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Opposition in Belarus : Hoffen auf die eigene Sprache

  • -Aktualisiert am

Aus Kundgebungen wurden Massenproteste

Eine kleine Gruppe von Enthusiasten versuchte zum Beginn der nuller Jahre durch den schnellen Ausbau der belarussischen Enzyklopädie in der alten Rechtschreibung Fakten zu schaffen. Der Versuch, die staatliche Rechtschreibung aus dem Netz heraus zu revidieren, hatte einen politischen Kern: Die Puristen lehnten die sowjetische Reform von 1933 ab, weil damit die Norm der Sprache weiter nach Osten in Richtung Russland verschoben wurde.

Anders als in der englischen Wikipedia, in der die Regel gilt, dass ein Artikel in dem Englisch gepflegt wird, in dem er angelegt wurde, konnten sich die Autoren der beiden belarussischen Sprachversionen nicht einigen und existieren seither parallel – zum Nachteil für Reichweite und Qualität vieler Einträge. Je mehr Menschen auch in Belarus das Internet nutzen und je mehr staatliche Stellen auf die Enzyklopädie zugreifen, desto größer wurde die Wikipedia-Version in der offiziellen Rechtschreibung.

Ähnlich wie die Aktivisten der belarussischen Wikipedia hatten bei vorangegangenen Präsidentschaftswahlen die meisten oppositionellen Kandidaten trotz der Repressionen von Seiten des Staatsapparats stets auf ihrer jeweiligen Version von Belarus beharrt, statt ihre Kräfte zu vereinigen. Umso größer ist jetzt die Euphorie im Lager der Opposition, nachdem sich Vertreterinnen der drei nicht zugelassenen Kandidaten in einem Komitee zusammenschlossen, das gemeinsam die Kandidatur von Swetlana Tichanowskaja betreibt.

Belarussischsprachige Intellektuelle unterstützen sie

Aus ihren Wahlkundgebungen wurden Massenproteste der Bürger gegen die schlechte wirtschaftliche Lage und die Leugnung der Corona-Pandemie durch den amtierenden Präsidenten. Der Erfolg von Tichanowskaja liegt auch darin, dass sie ganz selbstverständlich die Sprache der Mehrheit spricht: Russisch. Zugleich bindet sie Belarussisch in Form von Liedern oder kurzen Ansprachen mit in ihre Kampagne ein.

Immer mehr belarussischsprachige Intellektuelle unterstützen Tichanowskaja, weil mit der Hoffnung auf Veränderung, die sie geweckt hat, auch die Hoffnung auf eine andere Sprachenpolitik einhergeht, die Belarussisch im Alltag einen größeren Resonanzraum verschafft. Andere bleiben skeptisch. Der Vorstand der Gesellschaft für die Belarussische Sprache empfahl, nur für einen Kandidaten zu stimmen, der aktiv für Belarussisch einsteht.

Egal was nach dem 9. August geschieht – Belarus wird auch nach den Wahlen ein mehrsprachiges Land bleiben, in dem die beiden Amtssprachen asymmetrisch koexistieren. Wikipedia wird für die meisten Nutzer weiterhin als alltägliche Übersetzungsmaschine funktionieren, um die richtige Schreibweise der weniger verwendeten Sprache schnell aufzufinden, aber auch, um die unterschiedlichen Kontexte der Einträge zu erschließen.

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