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75. Ruhrfestspiele eröffnen : Achtet die Alten, vergesst die Jungen

Der alte Mann und sein schönster Lebenstraum: Kaori Ito und Yoshi Oida in „Die Seidentrommel“ Bild: Christophe Raynaud de Lage

Warme Politikerworte und eine unerbittliche Parabel auf den Hochmut der Jungen: Die 75. Ruhrfestspiele eröffnen mit einem digitalen Festakt und Yoshi Oidas „Seidentrommel“.

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          Auf dem Gemälde, vor dem sie den grußwortspendenen Bundespräsidenten in seinem Berliner Schloss für gewöhnlich platzieren, steht Schiller unter freiem Himmel im Tiefurter Park und trägt dem Weimarer Musenhof seine Gedichte vor. Es ist die Blütezeit der Kultur in Deutschland, Goethe, Wieland, die Humboldt-Brüder, Herzogin Amalia, Herder – sie alle haben sich in dieser fiktiven Szene um den freiheitstrunkenen Dichter gruppiert und bezeugen den hohen Kurs der Kunst um 1800. Zweihundertzwanzig Jahre später ist er tief gefallen. Steinmeier sagt das, was sich die Politiker inzwischen angewöhnt haben zu sagen: dass etwas fehlt. Dass Kultur „ein Lebensmittel“ sei und „Zehntausende Kunstschaffende“ von der Pandemie hart getroffen würden. Und weil er zur Eröffnung der vom Deutschen Gewerkschaftsbund ausgerichteten Ruhrfestspiele spricht, sagt er auch noch etwas Soziales: dass es ein Unding sei, dass vielen unverschuldet arbeitslos gewordenen Künstlerinnen und Künstlern jetzt der Ausschluss aus der Künstlersozialkasse drohe.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Warme Worte, die der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens noch einmal auf seine Weise wiederholt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, zitiert Armin Laschet Matthäus, sondern von Experimenten mit neuen Formen, wie zum Beispiel mit Hybridformaten wie denen von „Ruhr digital“: Neunzig Produktionen werden aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der Festspiele bis zum 20. Juni gezeigt. Dass vorher noch Aufführungen vor Zuschauern erlaubt werden, glaubt so recht keiner. Die Festrednerin Enis Macis jedenfalls macht wenig Mut, an die von ihr im Gestus der Untertreibung eingeforderte „Macht der Verwandlung“ zu glauben. Die 1993 in Gelsenkirchen geborene Theaterschriftstellerin kündigt zwar an, über „die Bühne“ zu sprechen, redet dann aber vor allem über die Folgenlosigkeit ihrer Worte, Fernsehserien mit Virusvarianten und die Toten von Hanau.

          Festspiele nicht nur für Auserwählte

          Als Festspiele nicht nur „für Literaten und Auserwählte“, sondern für „die Kumpels“ aus dem Industrierevier waren die Ruhrfestspiele nach dem Krieg ursprünglich gegründet worden, von Hamburger Theaterleuten, die sich mit Kunst für die Kohle bedanken wollten, die ihnen feinsinnige Bergarbeiter an den englischen Besatzern vorbei in ihre ausgebombten Theater geschmuggelt hatten. Viel geblieben ist von dem Anspruch nicht. Heute werden auf dem „Grünen Hügel“ in Recklinghausen oft genauso hürdenreiche Inszenierungen gezeigt wie anderswo auch. Obwohl die Etablierung einer modernen Zirkussparte und eine gewisse Star-Quote zumindest Echos auf das ursprüngliche Credo versuchen.

          Insbesondere mit seiner Vorliebe für die allgemeingültigen Wirkungen des sogenannten „einfachen Theaters“ versucht der seit 2018 amtierende Intendant Olaf Kröck dem Gründungsgedanken seines Festivals auf eigene Weise Rechnung zu tragen. Vor zwei Jahren zeigte er eine überwältigende Arbeit von Peter Brook, in diesem Jahr hat er mit dem japanischen Schauspieler Yoshi Oida erneut einen Helden aus dem Brook’schen Kosmos eingeladen. Gemeinsam mit der Tänzerin und Choreographin Kaori Ito präsentiert der siebenundachtzigjährige Oida ein modernes No-Spiel, basierend auf einem Text des bahnbrechenden Schriftstellers Yukio Mishima.

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