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Goethes Enkel : Ich muss im Unsichtbaren bleiben

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Walther von Goethe wollte das Vermögen seines Großvaters in eine Stiftung investieren, der Familie gefiel das gar nicht. Bild: mauritius images

Im Schatten des Künstlers: Zu Lebzeiten galt Walther von Goethe als unwürdiger Enkel des Dichters, doch er sicherte das Familienerbe für die Öffentlichkeit.

          Als sich im Frühjahr 1818 die erste Entbindung von Goethes Schwiegertochter Ottilie ankündigte, verließ der Geheime Rat Weimar – wie immer, wenn Geburten, Krankheiten oder der Tod im Haus am Frauenplan drohten. In Jena beschäftigte er sich mit den Museumsbilanzen, trank wegen eines Katarrhs Löwenzahnextrakt und erwartete die Nachricht von der Niederkunft. Ein Husar meldete ihm am Abend des 9. Aprils, ein Knabe sei geboren worden, den man später auf den Namen Walther Wolfgang von Goethe taufte. Dunkle Augen habe der Junge, wurde eifrig berichtet, ein haarbedecktes Köpfchen, und bald schon stellten erste Besucher eine Ähnlichkeit mit dem Großvater fest.

          Goethe wurde ein Opa, wie man ihn sich nur wünschen kann, geduldig und liebevoll. Kupferstiche wurden gemeinsam betrachtet und Spazierfahrten unternommen. 1820 wurde ein zweiter Enkel geboren, Wolfgang Maximilian, und 1827 kam die kleine Alma zur Welt. Im Hause Goethe wurde mit den Kindern gesungen, vorgelesen, Puppentheater gespielt; es wurden Zauberkunststücke erlernt. Im heiligen Arbeitszimmer fand ein kleiner Schreibtisch Aufstellung, an dem die Knaben ihren Beschäftigungen nachgehen konnten, während Goethe arbeitete.

          Ehrgeizige Pläne: Ein Studium bei Mendelssohn Bartholdy

          Die Mutter, Ottilie von Goethe, mit ihrer unglücklichen Ehe beschäftigt, liebte die Kinder geradezu demütig, wollte aber von Erziehung nichts wissen. August von Goethe, der Vater, hielt sich aus allen Fragen ihrer Bildung heraus. Eine glänzende Ausnahmewelt war das Haus am Frauenplan. Dort herrschte Geselligkeit mit berühmten und bedeutenden Künstlern und Wissenschaftlern, einem (eher hilflosen) Hauslehrer und Besuchen im Schloss, um mit dem kleinen Erbprinzen Carl Alexander zu spielen. Schon früh zeigte sich bei Walther und Wolfgang eine leidenschaftliche Liebe zum Theater. Beide begannen, dramatische Texte zu verfassen, die sie einstudierten und zur großen Freude ihres Großvaters aufführten. 1830 starb ihr Vater August in Rom, 1832 ihr Großvater in Weimar. Walther schritt beherrscht als ältester Nachkomme hinter dem Sarg zur Fürstengruft auf dem Friedhof, Wolfgang fürchtete sich.

          Goethe hatte seine drei Enkel als Universalerben eingesetzt, die so in den Besitz des Wohnhauses, des Gartenhauses im Park an der Ilm, weiterer Immobilien und zu einem Kapital von 58 000 Reichstalern kamen. Daraus erhielt Ottilie eine jährliche Witwenpension von fünfhundert Talern und lebenslanges freies Wohnrecht sowie einen Zuschuss für die Ausbildung ihrer Kinder von ebenfalls fünfhundert Talern. Ihre Pläne für Walther waren ehrgeizig: Seine musikalische Begabung sollte, durch ein Studium bei Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig vertieft, in eine Laufbahn als Musiker münden.

          „Ein freundlich rotbäckiges, phlegmatisches kleines Männchen“

          Im Oktober 1835 reiste Walther zu Mendelssohn und ließ sich prüfen. Ein schönes Talent habe er da vor sich, bescheinigte Mendelssohn der Mutter im Gespräch – im Technischen sei Walther fast noch kindisch, berichtete er hingegen den eigenen Eltern. Wenig schmeichelhaft beschrieb er den mittlerweile Siebzehnjährigen: „Walther Göthe, ein freundlich rotbäckiges, phlegmatisches kleines Männchen.“

          In einem Gutachten für die Vormünder betonte Mendelssohn, Eile sei dringend geboten, das Studium müsse möglichst schnell begonnen werden, da Walther bereits ein Alter erreicht habe, in dem er souverän die Technik zu beherrschen habe, um eigene Arbeiten in Angriff nehmen zu können. Und Mendelssohn fügte hinzu: „Es scheint mir seine Pflicht, bei jedem Fach, das er ergreifen wollte, auf gründliche Ausbildung, auf Vollkommenheit zu zielen, die er sich selbst und seinem Namen schuldig ist.“

          Er bat flehentlich, den Unterricht abbrechen zu dürfen

          Dass sich Mendelssohn, seit Herbst 1835 Gewandhauskapellmeister in Leipzig, einen so wenig hoffnungsvollen Schüler auflud, hing wohl mit dem Namen Goethe zusammen, dem er sich verpflichtet fühlte. Zu Michaelis 1836 zog der achtzehnjährige Walther von Goethe nach Leipzig, inskribierte sich als Student der Philosophie an der Universität und nahm, neben anderem musikalischen Unterricht, dreimal wöchentlich Kompositions- und Klavierstunden bei Mendelssohn. Von Beginn an waren diese Stunden eine Katastrophe, denn Walther genügte den hohen Anforderungen seines Lehrers nicht und litt unter dessen Heftigkeit und Ablehnung. Obwohl der Junge seine Mutter flehentlich bat, den Unterricht abbrechen zu dürfen, bestand Ottilie auf Weiterführung.

          Gegen ihren Widerstand verließ Walther im März 1838 Leipzig. Ein kurzes Intervall bei Carl Loewe in Stettin folgte. Ihm gelang es, Walthers musikalischen Ehrgeiz noch einmal anzustacheln. Bisweilen arbeitete er an drei Opern zugleich. Um seine ehrgeizige Mutter zufriedenzustellen, absolvierte er anschließend in Wien noch mehr als hundert Stunden Kompositionsunterricht bei Ignatz Ritter von Seyfried, einem heute vergessenen Dirigenten und Komponisten, dann beendete er, vierundzwanzigjährig, seine Studien und begrub alle Träume von einer Musikerkarriere. Etwa achtzig Lieder aus seiner Feder sind überliefert, einige davon wurden sogar publiziert, und drei Opern.

          Am 10. April 1839 wurde Walther als erster der drei Enkel volljährig. Sein Vermögensanteil betrug zu diesem Zeitpunkt 28585 Reichstaler, deren Zinsen für den Unterhalt bis zum Lebensende reichen mussten. Bereits drei Tage danach ließ Walther von Goethe in Übereinstimmung mit seiner Familie durch eine Verfügung der Landesregierung von Sachsen-Weimar-Eisenach das Goethe-Haus schließen und untersagte von sofort an den Zutritt zu den Kunst- und Naturaliensammlungen sowie den Wohnräumen seines Großvaters.

          Zeitgenossen unterstellten ihm Vernachlässigung des Erbes

          Fast ein halbes Jahrhundert lang blieb das Goethe-Haus für Neugierige verschlossen. Das nahm man Walther ausgesprochen übel. Gründe für seinen Schritt gab es jedoch viele. Da war einmal der schlechte bauliche Zustand der für Wohnzwecke eingerichteten Räume, deren Umbau zu einem Museum größere finanzielle Aufwendungen bedeutet hätte. Zudem empfand es die Familie als pietätlos, die Räume mit den persönlichen Gegenständen ihres Großvaters den Blicken neugieriger und ehrfurchtsloser Menschen ausgesetzt zu sehen. Nur zu besonderen Anlässen öffnete Walther das Haus, so etwa 1849 zur Jahrhundertfeier von Goethes Geburtstag – was freilich dazu führte, dass die Menge der Besucher die hintere Treppe zum Einsturz brachte. Immerhin: Aufrichtige Verehrer seines Großvaters erhielten Zutritt, wenn sie denn angemeldet waren, einzeln und in Ehrfurcht vor dem Ort auftraten. Zu ihnen gehörte beispielsweise Friedrich Hebbel, der 1858 von Walther durch die Räume geführt wurde und tiefgerührt darüber berichtete: Es sei das einzige Schlachtfeld, auf das die Deutschen stolz sein dürften, meinte er über Goethes Schlafkammer.

          Schwerer Unfrieden jedoch herrschte wegen des Umgangs Friedrich von Müllers, Goethes Testamentsvollstreckers, mit dem handschriftlichen Nachlass des Großvaters. In den Vormundschaftsakten heißt es schon kurz nach Goethes Tod: „Seit dem 1. April durchstöbert Geh. Rat Müller alle Nachmittag das Arbeitszimmer des Geh. R. v. Goethe ... Er nimmt Sachen mit nach Haus, gegen Quittung und ohne Quittung.“

          Ein klarer Verstoß gegen Goethes Letzten Willen

          Das alarmierte die Familie. Zunächst blieb es bei Gerüchten, dass der Kanzler entnommene Papiere auch noch publiziert hätte; spätestens 1841 aber, als die „Mitteilungen über Goethe“ von Friedrich Wilhelm Riemer erschienen, war erwiesen, dass hier Auszüge aus den Tagebüchern verwendet worden waren – ein klarer Verstoß gegen Goethes Letzten Willen, der es den Enkeln überlassen hatte, was sie aus dem schriftlichen Archiv veröffentlichen wollten.

          Als 1842 angeregt wurde, das Goethe-Haus mit Garten und Sammlungen an den Deutschen Bund zu verkaufen, der daraus eine öffentlich zugängliche nationale Stiftung schaffen sollte, stand dem als gewichtigstes Hindernis im Wege, dass der Initiator des Plans und Verhandlungspartner ebendieser Kanzler Friedrich von Müller war. In einem ersten Brief Walther von Goethes an seinen Bruder heißt es denn auch: „Wäre es denn nicht möglich, dass wir den Kanzler mitverkauften, wahrhaftig bei dieser Aussicht täte ich es, er gehört doch mit zum Goethe-Gerümpel.“

          Walther leuchtete als Einzigem in der Familie die Idee einer Nationalstiftung ein, und er war sofort bereit, dem Verkauf zuzustimmen, bedeutete es für ihn doch, in der Zukunft ausreichend finanziell versorgt zu sein. Sein Bruder Wolfgang dagegen sträubte sich aus Sentimentalität gegen den Verkauf; die Mutter Ottilie hatte zwar ebenfalls nichts einzuwenden, nur erschien ihr die gebotene Summe von insgesamt 40000 Reichstalern lächerlich. Damit lag sie keineswegs falsch, denn das Angebot entsprach gerade einmal sechzig Prozent des Grundhonorars, das Goethe mit seinem Verleger Cotta allein für die Ausgabe letzter Hand vereinbart hatte. Nach langen, zähen Verhandlungen mit dem Kanzler und innerhalb der Familie, bei denen diese ihre Preisforderung auf – immer noch moderate – 80000 Reichstaler erhöhte, der Deutsche Bund jedoch auf einem Angebot von nur 60000 Reichstalern beharrte, verlief die Sache nach vier Jahren im Sande. Was blieb, war eine hämische Pressekampagne gegen die Familie und die hartnäckige Legende, Goethes Enkel hätten eine schäbige Feilscherei um das Erbe ihres Großvaters veranstaltet. Selbst der Vergleich mit Fafner und Fasolt wurde nicht gescheut.

          Das Vermächtnis des Enkels war eine Überraschung

          Inzwischen war die Schwester Alma 1844 in Wien an Typhus gestorben und Wolfgang von Goethe als preußischer Legationsrat in Rom tätig. Als mit dem Datum des Goethe-Geburtstages 1853 Großherzog Carl Alexander die Regierung in Sachsen-Weimar-Eisenach antrat, nahm Walther, nunmehr dessen Kammerherr ohne Besoldung, nach Jahren des Umherziehens seinen ständigen Wohnsitz wieder in Weimar. Zunächst im Pogwisch-Haus im Park an der Ilm, später in die Mansarde am Frauenplan zurückgezogen – die „Bratröhre“, wie er sie nannte –, blieb er allein auf seinem „Posten als Wächter, Hüter und – Stationsbeamter“ der Goethe-Hinterlassenschaften, lesend und Staub wischend, ordnend und bessernd. Seine Scheu vor Menschen war einerseits groß, andererseits beklagte er oft seine Einsamkeit. In äußerster Bescheidenheit lebend, schlug er wiederholt Angebote einer gutbezahlten Tätigkeit für die literaturbegeisterte Großherzogin Sophie aus und machte dafür seine schlechte Gesundheit verantwortlich. Seinem fürstlichen Freund Carl Alexander jedoch stand er immer zur Verfügung, wenn es galt, beratend in Fragen der Kulturpolitik einzugreifen, sei es bei der Auswahl eines Künstlers für die Ausmalung der Wartburg, sei es bei der geplanten Errichtung des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar oder bei der Förderung junger Literaten. Abwehrend wurde Walther nur, wenn Carl Alexander ihn aufforderte, wieder zu komponieren.

          Siebenundsechzigjährig starb Walther von Goethe am 15. April 1885 im Hotel Norddeutscher Hof in Leipzig. Sein Testament war für alle eine Überraschung: Das Archiv Goethes vermachte er der Großherzogin Sophie persönlich, die Sammlungen und den Grundbesitz jedoch dem Staat Sachsen-Weimar-Eisenach. Diese Entscheidung erwies sich als überaus klug und als ein Segen für die Nachwelt, denn das Großherzogspaar verfügte nicht nur über den nötigen Ehrgeiz, sondern auch über die Energie und genügend eigene Mittel, um innerhalb weniger Jahre das Goethe-Haus als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und das Goethe-Nationalmuseum und die Goethe-Gesellschaft gründen zu lassen. Dank der Großherzogin entstanden die erste wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe der Werke Goethes und der Bau des Archivgebäudes, das, 1896 eingeweiht, die handschriftlichen Hinterlassenschaften Goethes und den später hinzugekommenen Schiller-Nachlass beherbergt.

          Und Walther von Goethe, wo bleibt sein Porträt? In der Literatur trifft man selten auf positive Beurteilungen. Frühe Biographen wie etwa Wolfgang Vulpius meinten, er sei saft- und kraftlos gewesen, lebensuntauglich und entartet. Ja, es wird gar bedauert, dass er nicht jung sterben konnte, denn er sei unbegabt gewesen „für das, was selbst mittelmäßige Männer können“, nämlich das kraftvolle vitale Geschlecht der Goethes in eigenen Kindern fortzuführen.

          In ihrer jüngeren Biographie der Enkel Goethes behauptet Dagmar von Gersdorff allen Ernstes, eine Erklärung gefunden zu haben: Walther von Goethe sei homosexuell gewesen. Angeregt wurde sie dazu von der Musikwissenschaftlerin Eva Weissweiler, die 1990 in ihrer Clara-Schumann-Biographie die Behauptung aufgestellt hatte, Robert Schumann habe eine homoerotische Beziehung mit Walther von Goethe gepflegt. Was von der Schumann-Forschung längst ins Reich der unhaltbaren Spekulationen verwiesen worden ist, steht im Falle Walther von Goethes weiterhin im Raum. Wer die von Gersdorff angeführten „Beweise“ prüft, stößt schnell auf unfassbare Absurditäten. Wo die Biographin etwa in Schumanns Tagebüchern einen „lüsternen“ und „moralisch verdorbenen“ Walther findet, handelt es sich mitnichten um Walther von Goethe (wie von ihr behauptet), sondern, wie bereits ein simpler Blick ins Personenverzeichnis der Tagebuch-Edition zeigt, um Schumanns Studienfreund Otto Hermann Walther.

          „Ich möchte lieber Kümmeltürk als Goethe heißen“ – dieser Ausruf Walthers macht die Tragödie des Nachkommens, der auch heute noch an der Ausnahmepersönlichkeit seines Großvaters gemessen wird, am deutlichsten. Ihm selbst ist sehr früh in aller Bescheidenheit klargeworden, dass er sich „ruhig zu verhalten“ habe, nie mit dem Pfund des großen Namens wuchern dürfe, weil er ihm keine Ehre machen würde, und dass das Zentrum seines Lebens nicht die schillernde Salon- und Künstlerwelt sein würde, sondern stille Zurückgezogenheit, die er mit übertriebener Förmlichkeit zu schützen wusste. Dank seiner geradezu sturen Bewahrung des großväterlichen Erbes jedoch, seiner selbstgewählten Lebensaufgabe, sind Goethes unschätzbare Hinterlassenschaften fast unversehrt auf uns gekommen. Was das bedeutet, bedarf keiner weiteren Erklärung.

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