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Goethes Enkel : Ich muss im Unsichtbaren bleiben

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Er bat flehentlich, den Unterricht abbrechen zu dürfen

Dass sich Mendelssohn, seit Herbst 1835 Gewandhauskapellmeister in Leipzig, einen so wenig hoffnungsvollen Schüler auflud, hing wohl mit dem Namen Goethe zusammen, dem er sich verpflichtet fühlte. Zu Michaelis 1836 zog der achtzehnjährige Walther von Goethe nach Leipzig, inskribierte sich als Student der Philosophie an der Universität und nahm, neben anderem musikalischen Unterricht, dreimal wöchentlich Kompositions- und Klavierstunden bei Mendelssohn. Von Beginn an waren diese Stunden eine Katastrophe, denn Walther genügte den hohen Anforderungen seines Lehrers nicht und litt unter dessen Heftigkeit und Ablehnung. Obwohl der Junge seine Mutter flehentlich bat, den Unterricht abbrechen zu dürfen, bestand Ottilie auf Weiterführung.

Gegen ihren Widerstand verließ Walther im März 1838 Leipzig. Ein kurzes Intervall bei Carl Loewe in Stettin folgte. Ihm gelang es, Walthers musikalischen Ehrgeiz noch einmal anzustacheln. Bisweilen arbeitete er an drei Opern zugleich. Um seine ehrgeizige Mutter zufriedenzustellen, absolvierte er anschließend in Wien noch mehr als hundert Stunden Kompositionsunterricht bei Ignatz Ritter von Seyfried, einem heute vergessenen Dirigenten und Komponisten, dann beendete er, vierundzwanzigjährig, seine Studien und begrub alle Träume von einer Musikerkarriere. Etwa achtzig Lieder aus seiner Feder sind überliefert, einige davon wurden sogar publiziert, und drei Opern.

Am 10. April 1839 wurde Walther als erster der drei Enkel volljährig. Sein Vermögensanteil betrug zu diesem Zeitpunkt 28585 Reichstaler, deren Zinsen für den Unterhalt bis zum Lebensende reichen mussten. Bereits drei Tage danach ließ Walther von Goethe in Übereinstimmung mit seiner Familie durch eine Verfügung der Landesregierung von Sachsen-Weimar-Eisenach das Goethe-Haus schließen und untersagte von sofort an den Zutritt zu den Kunst- und Naturaliensammlungen sowie den Wohnräumen seines Großvaters.

Zeitgenossen unterstellten ihm Vernachlässigung des Erbes

Fast ein halbes Jahrhundert lang blieb das Goethe-Haus für Neugierige verschlossen. Das nahm man Walther ausgesprochen übel. Gründe für seinen Schritt gab es jedoch viele. Da war einmal der schlechte bauliche Zustand der für Wohnzwecke eingerichteten Räume, deren Umbau zu einem Museum größere finanzielle Aufwendungen bedeutet hätte. Zudem empfand es die Familie als pietätlos, die Räume mit den persönlichen Gegenständen ihres Großvaters den Blicken neugieriger und ehrfurchtsloser Menschen ausgesetzt zu sehen. Nur zu besonderen Anlässen öffnete Walther das Haus, so etwa 1849 zur Jahrhundertfeier von Goethes Geburtstag – was freilich dazu führte, dass die Menge der Besucher die hintere Treppe zum Einsturz brachte. Immerhin: Aufrichtige Verehrer seines Großvaters erhielten Zutritt, wenn sie denn angemeldet waren, einzeln und in Ehrfurcht vor dem Ort auftraten. Zu ihnen gehörte beispielsweise Friedrich Hebbel, der 1858 von Walther durch die Räume geführt wurde und tiefgerührt darüber berichtete: Es sei das einzige Schlachtfeld, auf das die Deutschen stolz sein dürften, meinte er über Goethes Schlafkammer.

Schwerer Unfrieden jedoch herrschte wegen des Umgangs Friedrich von Müllers, Goethes Testamentsvollstreckers, mit dem handschriftlichen Nachlass des Großvaters. In den Vormundschaftsakten heißt es schon kurz nach Goethes Tod: „Seit dem 1. April durchstöbert Geh. Rat Müller alle Nachmittag das Arbeitszimmer des Geh. R. v. Goethe ... Er nimmt Sachen mit nach Haus, gegen Quittung und ohne Quittung.“

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