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Walter Moers : "Im Jenseits werde ich streng bestraft"

  • Aktualisiert am

Versteckt sich hinter seinen Büchern: Walter Moers Bild: dpa

Der medienscheue Autor und Zeichner Walter Moers äußert sich in einem E-Mail-Gespräch über Bin-Ladin-Comics, Hitler-Musicals und seinen neuen Roman „Rumo“.

          Der medienscheue Autor und Zeichner Walter Moers äußert sich in einem E-Mail-Gespräch über Bin-Ladin-Comics, Hitler-Musicals und seinen neuen Roman „Rumo“.

          Herr Moers, seit Jahren führen Sie eine Geheimexistenz zwischen Hamburg und Amerika. Lassen sich nicht fotografieren, treten nicht öffentlich auf. Dieses Interview führen wir auch nur per E-Mail. Warum das Ganze? Ist es bloß ein Marketing-Trick? Oder müssen wir uns Walter Moers als ein pickliges, blasses Mönchengladbach-Gesicht vorstellen?

          Gerne letzteres. Ich habe ziemlich früh bemerkt, daß es mir nicht behagt, von wildfremden Menschen auf der Straße erkannt zu werden. Von da an habe ich mich konsequent geweigert, mich für Veröffentlichungszwecke fotografieren zu lassen. Das ist alles. Und jetzt bin ich Dr. Mabuse.

          Wie luxuriös dürfen wir uns das Leben des Comic- und Literaturmillionärs vorstellen? Wie viele Villen besitzen Sie? Wie viele Ferraris?

          Ich hab' nicht mal einen Führerschein.

          Oder leben Sie in einer Künstlerkolonie zusammen mit Herrn Pynchon, Herrn Süskind und Herrn Salinger? Und könnte man da mal vorbeikommen?

          Genau, Arno Schmidt und B. Traven wohnen auch hier. Herrenbesuch ist aber nicht gestattet.

          Würden Sie uns dann wenigstens eine aktuelle Fotografie von sich im schattigen Park des vermutlich prachtvollen Moersianums zusenden? Gerne auch mit Gattin.

          Unmöglich.

          Ein Selbstporträt in Gold und Öl?

          Na schön. Aber in Aquarell, das trocknet schneller.

          Ihr neuer Roman "Rumo", die erstaunlichen Abenteuer eines kampfbereiten Wolpertingers im Königreich Zamonien, hat starke Splatter-Qualitäten und ist, so scheint es, für Kinder gänzlich ungeeignet. Wollten Sie sich so weit wie möglich vom niedlichen Blaubären, mit dem Sie vor Jahren bekanntgeworden sind, entfernen?

          Ich finde das Buch für Kinder sehr geeignet. Wenn Erwachsene sagen, daß sich bestimmte künstlerische Produkte nicht für Kinder eignen, dann fürchten sie meistens nur um die eigene Nachtruhe. "Rumo" hat nicht mehr Splatter-Qualitäten als jedes durchschnittliche Märchen der Brüder Grimm. Allerdings sind die Actionszenen bei mir besser geschrieben.

          Den Wolpertingern scheint ein Wille zum Kampf angeboren zu sein. Den Menschen auch? Kommt im Kampf eine Art Wahrheit ans Licht?

          Nein, Kampf kann nur in der Kunst zu etwas Interessantem verklärt werden. Ich finde nicht mal sportliche Auseinandersetzungen interessant.

          Ist Walter Moers ein Kämpfer?

          Nein. Aber ich kann ein sturer Sack sein.

          "Ich will Wirkung", ruft ein Saurier in "Rumo". "Ich will gute Kritiken", ein anderer. Was wollen Sie?

          Geld.

          Gute Kritiken nicht? Es klingt in manchen Ihrer Bücher an, daß Sie keine sehr hohe Meinung vom Literaturbetrieb haben, und auch ein sogenannter Literaturpapst Laptandidel Latuda kommt in einem Ihrer Bücher nicht sehr gut weg. Woher das Mißtrauen?

          Vom deutschen Literaturbetrieb habe ich schon wenig gehalten, als ich reiner Konsument war, von einer Kritikerkultur, wie wir sie haben, noch weniger. Nur bei uns ist es möglich, daß gewisse Kritiker über eine höhere Popularität verfügen als die meisten Schriftsteller. Ich finde das ungesund.

          Trotz Ihrer Kritikermißachtung werden Sie scheinbar von allen geliebt. Von den Feuilletons, den Lesern, den scheinbar Schlauen und scheinbar Schlichten. Ist das nicht langweilig?

          Ja, ich würde auch gerne mal vom "Spiegel" in einer Titelgeschichte verrissen. Da brauchte der Verlag nicht mehr so viel für Werbung auszugeben.

          In "Rumo" sind die Leser und Verlagsleute hinterhältige Huldlinge, die die Schriftsteller mit ihren Rezensionen, ihrer Liebe und ihren Schwertern zu ermorden drohen. Gibt es da eine Verbindung zur Welt der Wirklichkeit?

          Nö. Ich fühle mich von Publikum und Kritik eigentlich ziemlich verwöhnt. Das liegt vielleicht daran, daß meine Frau die Post für mich vorsortiert und nur Hymnen durchläßt.

          Es gibt auch im Internet eine große Moers-Fangemeinde. Sie haben vor einiger Zeit sogar vermutet, es könne zwischen Moers-Begeisterten womöglich bis zu Verheiratungen kommen. Haben Sie da mal was gehört?

          Mittlerweile gibt es sogar schon ein Kind der Liebe. Ich finde, das ist eine realitätsnahe Wirkung, die die sogenannten realistischen Schriftsteller erst mal erbringen müssen. Ich werde gelegentlich zu wilden Parties der sogenannten "Nachtschüler" eingeladen, auf denen es hoch hergehen soll, aber meine Frau läßt mich nicht.

          Schade. Das wäre doch interessant. Herr Moers im Kreise seiner liebestollen Anhänger. Nebenbei: Ist die Liebe - so scheint es in "Rumo" anzuklingen - die letzte Utopie?

          Viele andere bleiben uns jedenfalls nicht übrig. Als ich noch klein war, stellte man sich die Zukunft ab dem Jahr 2000 so vor: Kolonien auf dem Mars, Städte unter Wasser, gleitende Bürgersteige und Roboter, die die Hausarbeit machen. Das waren noch Utopien.

          Lange waren Sie mit Ihren Büchern so etwas wie die Geldprägemaschine des Eichborn-Verlages. Jetzt haben Sie ihn verlassen und damit den Niedergang des krisengeschüttelten Hauses - so heißt es - entschieden vorangetrieben. Mit schlechtem Gewissen?

          Dem Eichborn-Verlag geht es auch ohne mich sehr gut. Ich wäre lieber geblieben, weil ich mich da lange Jahre sehr wohl gefühlt habe. Leider wurden von der Geschäftsführung Leute aus dem Verlag vertrieben, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe, bis hin zum Lektorat. Ich habe deutlich darauf hingewiesen, daß ich mir eine professionelle Weiterarbeit ohne diese Leute nicht vorstellen kann, und dennoch hat man sich dafür entschieden, sie zu vergraulen. Die Geschäftsleitung hat damit unmißverständlich signalisiert, daß sie auf mich verzichten kann. Daher konnte ich reinen Gewissens gehen.

          Beim Börsengang Eichborns hielten Sie zehn Prozent der Anteile. Wieviel Geld haben Sie beim Absturz der Eichborn-Aktie verloren.

          Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen.

          Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie ein großer Verspotter des Merchandising-Wahns. Im Verlauf Ihres Schaffens haben Sie es, vor allem mit Produkten des "Kleinen Arschlochs", zu Deutschlands größtem Merchandiser gebracht. Wie erklären Sie diesen Wandel?

          Wir haben unser Merchandising-Programm mit Produkten angefangen, die parodistisch auf dieses Geschäft reagiert haben: Toilettenpapier, Kruzifixe mit dem "Kleinen Arschloch", zweiteilige Puzzles für Doofe. Solche Sachen. Daß sie uns aus den Fingern gerissen wurden, hat mich am meisten erstaunt. Dann haben wir bemerkt, daß man damit Geld verdienen kann, und wir haben unsere Seelen verkauft. Ich rechne mit einer strengen Bestrafung im Jenseits.

          Wie wäre es eines Tages mit einem Saddam-Comic? Steckt da nicht was drin? Geld? Ein Merchandising-Erfolg?

          Ich habe mal an einen Bin-Ladin-Comic gedacht, aber dann habe ich bemerkt, daß ich von der islamischen Welt so gar keine Ahnung habe und auch nicht das geringste Interesse, diese Bildungslücke zu schließen.

          Hitler als Badewannenstöpsel, damals, als Ihr Comic "Adolf" erschien, war ein rechter Flop. Wie erklären Sie sich das?

          "Rechter Flop" ist gut. Mit Hitlermerchandising die Welt zu erobern, das ist leider im ersten Ansatz gescheitert. Es lag allerdings weniger an der Kundschaft, die es gar nicht erst erreicht hat, sondern an den Händlern, die es nicht ordern wollten. Aber ich gebe nicht auf, ich arbeite gerade an einem zweiten Welteroberungsversuch mit Adolf. Diesmal als Musical. Mit singenden Puppen. Wenn wir erst mal am Broadway aufmarschieren, dann läuft das auch mit den Badewannenstöpseln.

          Sie sollen einmal gesagt haben, das Schlußlied der Fernsehserie "Rosaroter Panther" sei das traurigste, was in deutscher Sprache je geschrieben wurde.

          Und das war nicht mal ironisch gemeint. In meiner Kindheit gehörte die Zeichentrickserie um den "Rosaroten Panther" zu den kulturellen Zentralereignissen. Und am Schluß wurde da immer gesungen: "Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?" Das bedeutete immer, daß man nun eine Woche auf die nächste Folge warten mußte - das war bitter. Mit zunehmendem Alter bekommt dieser Vers einen immer bedrohlicheren Charakter.

          Wovor haben Sie Angst?

          Ich bin ein begnadeter Hypochonder. Ich habe sogar Angst vor Krankheiten, die es noch gar nicht gibt. Gerade war ich in einem Computerladen, da fing jemand an zu husten. Und ich dachte: "Oh Gott - SARS! Jetzt hat es auch mich erwischt."

          Was haben Sie gegen die Wirklichkeit, gegen die Gegenwart, daß Sie sich immer so weit davondichten müssen?

          Wo beginnen? In der Wirklichkeit gibt es zum Beispiel keine Haifischmaden mit vierzehn Händen, die über fünfhundert Jahre alt werden können. Also muß ich welche erfinden. Einer muß es ja tun.

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