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Walter Moers : "Im Jenseits werde ich streng bestraft"

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Schade. Das wäre doch interessant. Herr Moers im Kreise seiner liebestollen Anhänger. Nebenbei: Ist die Liebe - so scheint es in "Rumo" anzuklingen - die letzte Utopie?

Viele andere bleiben uns jedenfalls nicht übrig. Als ich noch klein war, stellte man sich die Zukunft ab dem Jahr 2000 so vor: Kolonien auf dem Mars, Städte unter Wasser, gleitende Bürgersteige und Roboter, die die Hausarbeit machen. Das waren noch Utopien.

Lange waren Sie mit Ihren Büchern so etwas wie die Geldprägemaschine des Eichborn-Verlages. Jetzt haben Sie ihn verlassen und damit den Niedergang des krisengeschüttelten Hauses - so heißt es - entschieden vorangetrieben. Mit schlechtem Gewissen?

Dem Eichborn-Verlag geht es auch ohne mich sehr gut. Ich wäre lieber geblieben, weil ich mich da lange Jahre sehr wohl gefühlt habe. Leider wurden von der Geschäftsführung Leute aus dem Verlag vertrieben, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe, bis hin zum Lektorat. Ich habe deutlich darauf hingewiesen, daß ich mir eine professionelle Weiterarbeit ohne diese Leute nicht vorstellen kann, und dennoch hat man sich dafür entschieden, sie zu vergraulen. Die Geschäftsleitung hat damit unmißverständlich signalisiert, daß sie auf mich verzichten kann. Daher konnte ich reinen Gewissens gehen.

Beim Börsengang Eichborns hielten Sie zehn Prozent der Anteile. Wieviel Geld haben Sie beim Absturz der Eichborn-Aktie verloren.

Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen.

Zu Beginn Ihrer Karriere waren Sie ein großer Verspotter des Merchandising-Wahns. Im Verlauf Ihres Schaffens haben Sie es, vor allem mit Produkten des "Kleinen Arschlochs", zu Deutschlands größtem Merchandiser gebracht. Wie erklären Sie diesen Wandel?

Wir haben unser Merchandising-Programm mit Produkten angefangen, die parodistisch auf dieses Geschäft reagiert haben: Toilettenpapier, Kruzifixe mit dem "Kleinen Arschloch", zweiteilige Puzzles für Doofe. Solche Sachen. Daß sie uns aus den Fingern gerissen wurden, hat mich am meisten erstaunt. Dann haben wir bemerkt, daß man damit Geld verdienen kann, und wir haben unsere Seelen verkauft. Ich rechne mit einer strengen Bestrafung im Jenseits.

Wie wäre es eines Tages mit einem Saddam-Comic? Steckt da nicht was drin? Geld? Ein Merchandising-Erfolg?

Ich habe mal an einen Bin-Ladin-Comic gedacht, aber dann habe ich bemerkt, daß ich von der islamischen Welt so gar keine Ahnung habe und auch nicht das geringste Interesse, diese Bildungslücke zu schließen.

Hitler als Badewannenstöpsel, damals, als Ihr Comic "Adolf" erschien, war ein rechter Flop. Wie erklären Sie sich das?

"Rechter Flop" ist gut. Mit Hitlermerchandising die Welt zu erobern, das ist leider im ersten Ansatz gescheitert. Es lag allerdings weniger an der Kundschaft, die es gar nicht erst erreicht hat, sondern an den Händlern, die es nicht ordern wollten. Aber ich gebe nicht auf, ich arbeite gerade an einem zweiten Welteroberungsversuch mit Adolf. Diesmal als Musical. Mit singenden Puppen. Wenn wir erst mal am Broadway aufmarschieren, dann läuft das auch mit den Badewannenstöpseln.

Sie sollen einmal gesagt haben, das Schlußlied der Fernsehserie "Rosaroter Panther" sei das traurigste, was in deutscher Sprache je geschrieben wurde.

Und das war nicht mal ironisch gemeint. In meiner Kindheit gehörte die Zeichentrickserie um den "Rosaroten Panther" zu den kulturellen Zentralereignissen. Und am Schluß wurde da immer gesungen: "Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?" Das bedeutete immer, daß man nun eine Woche auf die nächste Folge warten mußte - das war bitter. Mit zunehmendem Alter bekommt dieser Vers einen immer bedrohlicheren Charakter.

Wovor haben Sie Angst?

Ich bin ein begnadeter Hypochonder. Ich habe sogar Angst vor Krankheiten, die es noch gar nicht gibt. Gerade war ich in einem Computerladen, da fing jemand an zu husten. Und ich dachte: "Oh Gott - SARS! Jetzt hat es auch mich erwischt."

Was haben Sie gegen die Wirklichkeit, gegen die Gegenwart, daß Sie sich immer so weit davondichten müssen?

Wo beginnen? In der Wirklichkeit gibt es zum Beispiel keine Haifischmaden mit vierzehn Händen, die über fünfhundert Jahre alt werden können. Also muß ich welche erfinden. Einer muß es ja tun.

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