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Walter Kempowskis „Echolot“ : In der Nacht des Jahrhunderts

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Überlebensgroß: Kempowski vor Kempowski, Erlangen 2003 Bild: dpa

Keine Klasse der heutigen Gesellschaft unterdrücken wir so rücksichtslos wie die Toten. In „Echolot“, einer der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts, würdigt Walter Kempowski die Lebenden von einst.

          Vor einigen Jahren konnte man in deutschen Zeitungen häufig eine eigenartige Anzeige lesen. „Walter Kempowski sucht“, hieß es da in einem klein umrandeten Feld. Gesucht wurden Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Tagebücher, Briefe von Freunden und Angehörigen, unveröffentlichte Autobiographien, Fundstücke von Zeitgenossen, Filme und Fotografien. Das literarische Milieu, auch ohne Inserat stets bemüht, die neuesten Bosheiten zu finden, quittierte diese Aufrufe mit Lächeln und bald schon mit Spott.

          Es hatte sich herumgesprochen, daß Kempowski an einem Archiv der Alltagsgeschichte des Dritten Reichs arbeitete und daß er ein Buch plante, in dem all dies Material einmal zusammengefügt werden sollte. Daß es je etwas damit werden würde, glaubte kaum jemand. Aber viele glaubten und sagten es auch, sofern sie nicht gerade mit der Formulierung der großen Menschheitsfragen beschäftigt waren, daß Kempowski eben doch nur ein in die Literatur verirrter Archivar geblieben sei. Ein Schriftsteller, der sich sein Lebenswerk durch Suchanzeigen anliefern lassen will - das ließ manchen in der Branche nicht ruhen, und da Kempowski nun schon einmal Thema war, machte man sich daran, gleichsam vorbeugend durch öffentliche Plagiats- und Abschreibevorwürfe seinen Ruf zu zerstören.

          Seit heute liegt Kempowskis Werk vor. (“Das Echolot“. Ein kollektives Tagebuch. Januar und Februar 1943. Knaus Verlag, München 1993. 4 Bde., zus. 2433 S., geb., Subskr.-Pr. 298,- DM, ab 1. 3. 1994: 348,- DM.) Fünfzehn Jahre lang hat er daran gearbeitet. Fünfzehn Jahre für sechzig Tage: nichts anderes verzeichnen diese vier Bände und fast dreitausend Seiten als die einzelnen Tage der Monate Januar und Februar 1943. Nur das Vorwort stammt von Kempowski; alles andere ist unmittelbare Stimme der Zeitgenossen. Private und öffentliche Archive, Populäres und Intimes, Gedrucktes und Ungedrucktes, Offenes und Geheimes - es ist alles da, Kempowski hat seine Drohung wahr gemacht.

          Die Stimmen der Opfer

          „Wir sollten“, heißt es im Vorwort, „den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet - die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“ Gerettet hat er die Stimmen der Toten, der Bösen und der Guten, der Täter und der Opfer. Ihre Worte berühren, selbst dort, wo sie es nicht wissen, fast immer jene zwei Orte, in denen auf unterschiedliche Weise der Schrecken dieses Jahrhunderts lebt: Auschwitz und Stalingrad.

          Wer das liest, erinnert sich vielleicht zuweilen an die belächelten Anzeigen, mit denen Kempowski viele seiner Funde machte. Sie haben jetzt gar nichts Komisches mehr. Sie gleichen den Fangarmen eines riesigen und immer noch wachsenden Wesens, das aus allen Erfahrungen dieses Jahrhunderts zusammengesetzt ist.

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