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Walter Kempowski : Kameraden

  • Aktualisiert am

Nachdenklich: Walter Kempowski Bild: dpa

Ein Volk von unglaublicher, kreativer Kraft. Aber auch eines von größter Grausamkeit. So sieht Walter Kempowski Rußland, im Zwiespalt zwischen russischer Kultur und der eigenen Erfahrung aus dem GULag.

          2 Min.

          Der Stellenwert der russischen Kultur ist ungeheuerlich. Es gibt keinen Autor der älteren Generation, der nicht von Tolstoi, Dostojewskij, Tschechow wesentlich beeinflußt worden ist. Als Romancier ist man ohne Tolstoi gar nicht vorstellbar. Ohne "Krieg und Frieden", ohne "Anna Karenina". Das gilt genauso für die Malerei, die Musik, den Film. Ich bewundere Sergej Eisenstein. Obwohl er mir auch ein bißchen suspekt ist, weil er Geschichte verfälscht hat; und mich als alten Menschen, der es mit der Wahrheit so ganz genau nimmt, den stört das. Das heißt, da ist eine leichte Verschmutzung. Aber technisch gesehen war Eisenstein natürlich bahnbrechend. Ein Gigant.

          Die Russen, die sind ein Volk von unglaublicher kreativer Kraft. Aber auf der anderen Seite auch ein Volk von größter Grausamkeit.

          Unmäßige Grausamkeit

          Kommen wir aufs Menschliche zu sprechen, und da fällt einem natürlich gleich das eigene Schicksal ein. Die Rigorosität, mit der die Sowjets ihre Gegner oder ihre vermeintlichen Gegner verfolgten. Von sechzig Millionen Opfern hat Gorbatschow einmal gesprochen. Sechzig Millionen, die entweder im GULag umgekommen sind oder lange im GULag gesessen haben. Eine unmäßige Grausamkeit. Eine Grausamkeit, die ich am eigenen Leibe erfahren habe, als ich 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt worden bin. Ich selbst habe acht Jahre gesessen, mein Bruder fast neun Jahre, meine Mutter sechs Jahre lang. Es war eine völlig unnötige Grausamkeit. Die haben mich in den Wasserkarzer gesperrt. Ich habe nackt, drei Tage und drei Nächte, im Wasser gestanden und wurde mit kaltem Wasser übergossen. Ich solle gestehen. Das hätten sie mit anderen Mitteln viel leichter haben können. Aber so sind sie zu ihren eigenen Leuten ja auch.

          Aber neben dieser Grausamkeit steht auch die sprichwörtliche Gutmütigkeit. In einem russischen Untersuchungsgefängnis, wo es den Posten verboten ist, auch nur ein Wort an die Häftlinge zu richten oder irgendeine menschliche Regung zu zeigen, ist es mir passiert, daß ein Posten sich nachts bei mir einschloß und aus seinen Taschen Tabak herauskramte, mir eine Zigarette drehte und sagte: Komm her, lieber Freund, hier hast du was zu rauchen. Das ist doch unglaublich nett. Und warum war er so nett? Weil er mitbekommen hat, daß mein Bruder auch saß, im gleichen Gefängnis, und meine Mutter auch, nur einen Stock höher. Ich habe über mein Schicksal oft gesprochen und geschrieben, aber ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß mich diese Grunderfahrung meiner Jugend bis heute nicht losläßt, daß ich immer wieder davon träume und mich in meinem Unbewußten davon nicht lösen kann. Aber soll ich die Russen dafür verantwortlich machen, die mich morgens um sechs verhafteten? Das einzige, was ich mir gewünscht hätte, ist, daß man mit den Russen in ein intensiveres Gespräch gekommen wäre. Aber es ist mir passiert, daß Lew Kopelew, der ja auch lange gesessen hat und den ich vor Jahren auf der Buchmesse mit den Worten: "Ach, Kamerad Kopelew!" begrüßt habe, fragt: "Wieso Kamerad?" - "Ja, ich habe auch lange gesessen", und er antwortete: "Das ist doch etwas ganz anderes." Das hat mir weh getan. Gerade die GULag-Zugehörigkeit wäre doch eine Möglichkeit für eine Solidarisierung gewesen, wie es ehemalige KZ-Gefangene machten. Aber das war mit den Russen nicht möglich. Meiner Erfahrung nach war das nicht möglich.

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