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Walter Jens : Disputatio cum J.

  • -Aktualisiert am

Jetzt ist er gestorben, der König von Tübingen. Nie wieder wird er aus seinen zwei Ärmeln dialektisch die Thesen und Antithesen schütteln, nie wieder seine Prüflinge zu Lessing befragen.

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          Vorgestern noch „Käthchen von Heilbronn“ in München, Regie Ernst Wendt (mit einer somnambulen Lisi Mangold), gestern geschrieben, heute im Blatt: Theater komplizierten Welttraums. Übermorgen dann „Tartuffe“ in Wien, Regie Rudolf Noelte (mit einem spitzbubmelancholischen Klaus Maria Brandauer als Titelheld und einer erotosouveränen Senta Berger als Elmire): Theater innerlicher Gefühlsspannung. Heute aber noch schnell nach Tübingen. Verteidigung der Dissertation im alten Stil einer „Disputatio“ vor der neuphilologischen Fakultät der Alma Mater: Theater geprüfter Wissenschaftlichkeit.

          Regie führt der wunderbare, helle, klug-kritische Doktorvater, der Zweitgutachter assistiert. Die versammelte Professorenschaft der Fakultät gibt den Chor der Nachfragenden. Chorführer aber: der König von Tübingen, Praeceptor Germaniae, Zauberbergkletterer, Rhetor-Instanz und Rhetorik-Lehrstuhl-Besitzer, Gräzist, Schriftsteller, Fernsehkritiker unterm Pseudonym „Momos“, Parteitagen- und Fußballbünden-ins-Gewissen-Redender, politisch sich überall Einmischender und seine dialektischen Schlüsse und Schnellschüsse aus dem linken (These) wie aus dem rechten (Antithese) Ärmel in lippenschürzend schäumender sozialer Syntax (republikanischer Synthesenschwung) schüttelnder Kopf. Dürre Gestalt. Schlohweißes Haar. Dauererregter Mund. Hatte auch immer was vom Propheten, der in Zungen redet.

          „Schließlich und endlich“

          Und da die Dissertation um Lessing auf der Bühne ging und der königlich Schlohweiße sozusagen als Lessings Platzhalter auf Erden beziehungsweise auf Universitäten galt, war er der natürlichste Mit-Disputant in dieser Angelegenheit. Was denn nun „schließlich und endlich“ (so seine Lieblingsformel) das Entscheidende, aber (Achtung, Dialektik!) Problematische an Lessings Dramentechnik gewesen sei?, will der Allgewaltige wissen. Und der Prüfling holt Luft und aus und legt mit allerlei Verweisen aufs dramaturgisch Überperfekte, ja geradezu Vorsehungs- und Gottesschöpferische der Lessingschen Stücke los. Der Frager aber knurrt nur: „Der Kerl“ (auch eines seiner Lieblingsworte) „hat eben einfach zu viel vom Theater verstanden! Wie übrigens Brecht auch.“ Damit war die linke Welt wieder im Lot, der Prüfling glücklich entlassen. Das war am 18. Dezember 1979 (abends Champagner). Jetzt ist der große Prüfer, der König von Tübingen, eben dort gestorben. Ehre seinem Andenken. Und seinen Ärmeln.

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