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Walter Höllerer : Zum Tod des Germanisten und Schriftstellers

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Walter Hölllerer, 1922 - 2003 (Aufnahme von 1973) Bild: dpa

Walter Höllerer, der gestern in Berlin im Alter von achtzig Jahren gestorben ist - was war er eigentlich? Germanist, Lyriker, Romancier, Essayist? Was immer er tat, er wirkte stets als begeisterter Anreger, als geduldiger Vermittler und als leidenschaftlicher Pädagoge.

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          Walter Höllerer, der gestern in Berlin im Alter von achtzig Jahren gestorben ist - was war er eigentlich? Germanist, Lyriker, Romancier, Essayist? Ja, gewiß. Seine Habilitationsarbeit ("Zwischen Klassik und Moderne" von 1958) blieb nicht unbeachtet, verriet aber dem aufmerksamen Leser die wahre Sehnsucht des Wissenschaftlers, nämlich jene nach der Poesie. Seine Lyrik indes, in den fünfziger und sechziger Jahren in einigen Bänden erschienen (zumal "Der andere Gast", 1952), ließ eher seine Theorien erkennen als eine elementare dichterische Kraft.

          Höllerers einziger Roman ("Die Elephantenuhr", 1973), ebenso von Jean Paul angeregt wie von manchen der großen Autoren der Moderne, Joyce etwa, enttäuschte die überaus höfliche, jedenfalls höchst respektvolle Kritik. Der Autor selber wollte sich mit dem eher kühlen Echo nicht abfinden und versuchte 1975, seinen Roman mit einer gekürzten Taschenbuchausgabe zu retten. Es war, wie beinahe immer in solchen Fällen, vergeblich.

          Also war Höllerer letztlich kein Poet und kein Erzähler? Und es ist wohl nicht ungerecht, wenn wir hinzufügen, daß auch seine wissenschaftlichen Arbeiten so gut wie vergessen sind. Ja, so sieht die Wahrheit aus. Doch ebenso trifft es zu und muß mit Nachdruck gesagt werden: Walter Höllerer war eine ungewöhnliche, ja außerordentliche Figur der deutschen Literatur und, vielleicht in noch höherem Maße, des literarischen Lebens in diesem Lande. Seine Aktivität war enorm, seine Vielseitigkeit bewundernswert, seine Rolle unvergleichlich.

          Ich sah ihn zum ersten Mal auf der Tagung der "Gruppe 47" in Großholzleute im Jahre 1958. Hier fiel er mir durch seine improvisierte mündliche Kritik auf: Er äußerte sich vor allem über Lesungen von Lyrik. Was er sagte, zeugte von umfassender Kenntnis der neuen Poesie und von seinem sich immer wieder bewährenden Gespür für neue Talente.

          Der Förderung der Dichtung galt denn auch sein Lebenswerk. Hier genügt eine knappe und imponierende Aufzählung. Er gründete die Zeitschrift "Akzente", die er bis 1967 zusammen mit Hans Bender herausgab. Er schuf die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter", die eine wichtige Funktion hatte und bis heute hat. Seine Anthologie "Transit" war damals, 1956, tatsächlich, was ihr Untertitel versprach: ein "Lyrikbuch der Jahrhundertmitte". Es folgten mehrere weitere Anthologien (übrigens auch der amerikanischen Lyrik), allesamt äußerst nützlich.

          Ab 1959 war er Professor für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität von West-Berlin und hat in dieser Eigenschaft starken Einfluß ausgeübt. Unermüdlich organisierte Höllerer unterschiedliche, doch immer erfolgreiche Veranstaltungen, vor allem in Berlin. Sie popularisierten immer wieder die zeitgenössische Literatur und trugen zur Verbreitung vieler Werke der nicht leicht zugänglichen Moderne bei. Er gründete 1963 mit Unterstützung der Ford Foundation - und vielleicht ist das sein Hauptwerk - das "Literarische Colloquium Berlin". Viele Jahre lang war er der Direktor dieser erfolgreichen, kaum zu überschätzenden Institution, die just in diesem Monat ihr vierzigjähriges Bestehen feiert (F.A.Z. vom 21. Mai). Was immer Höllerer tat, er wirkte stets als begeisterter Anreger, als geduldiger Vermittler und als leidenschaftlicher Pädagoge.

          Höllerer hat der Avantgarde den Weg gewiesen und sich redlich bemüht, daß sie sich nicht, wie so oft üblich, in die Arrieregarde verwandelt. Bisweilen schien ihm der in den zwanziger Jahren mißbrauchte Begriff überlebt, er hat lieber das Wort "Veränderung" gebraucht als "Avantgarde". Wie auch immer: Ihm ging es um eine Poesie, die den "Zwiespalt zwischen Sinnenwelt und Erkenntnis" umspielen, sichtbar machen und schließlich aufheben sollte. Und er hat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (es waren viele!) die Zusammenarbeit der Autoren mit dem Theater, dem Film, dem Funk und dem Fernsehspiel angestrebt, begünstigt und häufig überhaupt erst ermöglicht.

          Sehr zu Recht berief sich Höllerer auf Lichtenberg, der das "ewige Fiedeln auf einer und derselben Saite" verurteilte und der einmal sagte, er mag "immer den Mann lieber, der so schreibt, daß es Mode werden kann, als der so schreibt, wie es Mode ist". Das war, so will mir scheinen, Höllerers Credo.

          Die Namen einiger Schriftsteller und Wissenschaftler, die, ob jünger oder älter, zu seinen Schülern an der Technischen Universität, im Literarischen Colloquium und schon viel früher in der "Gruppe 47" gehörten, sprechen für sich: Hubert Fichte, Nicolas Born, Norbert Miller, Hans Christoph Buch, Volker Klotz, Hermann Peter Piwitt, Karl Markus Michel, Klaus Reichert, Peter Bichsel und noch viele andere. Einen der Anfänger in den späten fünfziger Jahren sollten wir hier nicht vergessen: Günter Grass. Höllerer hat an ihn von Anfang an geglaubt und seiner "Blechtrommel", wenn ich mich recht erinnere, die erste Rezension gewidmet. Es war ein Glanzstück der deutschen Kritik, in dem er vor allem das Poetische dieses Romans anschaulich darstellte und interpretierte. Leider hat Höllerer sich in den folgenden Jahren von der gedruckten Kritik abgewandt. Aber er blieb ein herzlicher und einfühlsamer Kritiker jener, die er zu fördern entschlossen war.

          Vielen hat er geholfen, vielen den Weg geebnet. Wir alle, die wir ohne Literatur nicht leben können, sind Walter Höllerer zu Dank verpflichtet.

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